Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 29 (1873)
- Issue
- 9-10 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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144 Schwerste im Gesetz, „die Liebe," die Vollkommenheit der ganzen Gesinnung, aus der doch alles Einzelne geboren werden, die jeder Ausführung irgend einer der Bestimmungen des Gesetzes erst ihren Werth geben soll. Die Hauptsache im menschlichen Leben wird hier zuletzt ein gutes Gedächtniß und eine große Fertigkeit in der Uebung einer gewissen Reihe von bestimmten Formen. Die Religion tritt gar zu sehr aus dem Tempel des Herzens in den Kreis des Verstandes, der Hände, der Füße, der Augen und des sinnlichen Lebens überhaupt hinein. So verdirbt die Mischna den Menschen im tiefsten sittlichen Kern und Heiligthum seines Wesens; und wo die sinaitischen Gebote Sündenerkenntniß wecken wollten, pflanzen die neuen im geraden Gegentheil die gefährlichste Selbstzuftiedenheit. Die schmerzliche Empfindung hiervon fehlt in der Mischna nicht ganz, und gerade dadurch wird es offenbar, daß auch in jener Periode des Judenthums das Licht in demselben nicht ganz erloschen war. Das neuere Judenthum, welches die alten Schranken beseitigt, hat freilich dieses Licht nicht weiter angefacht. Das neue Judenthum will nur keine Beschränkung dulden, aber einen positiven Schritt vorwärts hat es nicht gethan. Allerdings spricht es viel davon, daß die Idee und der sittliche Geist des sinaitischen Gesetzes besser verstanden werden müssen, aber es meint dieses bessere Verständniß zu besitzen, wenn es thatsächlich. in neuen Formen nur den alten Ruhm der Juden wiederholt. Denn Grätz, wie die meisten der modernen Juden sehn aus dem Spiegel der sogenannten mosaischen Ideen eben wieder nur ihre eigene Herrlichkeit herausleuchten; sie merken so wenig als ihre Vorfahren den großen Gegensatz zwischen den göttlichen Forderungen und ihrer eigenen Wirklichkeit. Die Mischna ist unter den heutigen Juden der Culturwelt so ziemlich gefallen; der treibende Beweggrund, welcher sie einst geschaffen hat, dagegen ist geblieben, nämlich der Sinn, der in sich selber vor Gott und Menschen einen Ruhm besitzen will. Aber die Unruhe, welche über dem Allen doch nicht zum Frieden kommt, ist auch geblieben, und wenn die Stunde gekommen ist, wird sie die Herzen Israels treiben, ihrem Ruhebringer und Friedefürsten sich endlich zu ergeben, denn (Hosea 3, 5):