Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 29 (1873)
- Issue
- 9-10 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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142 gegen Bekenner anderer Religionen verräth. Denn Grätz will nicht das Schwarze um jeden Preis weiß machen, wie es z. B. Deutsch (London) in seinen jüngsten Schriften über den Talmud gethan hat. Am Schärfsten aber zeigt sich diese Verschiedenheit des Geistes beider Gesetzgebungen in dem Gesammtcharakter derselben. Die mosaische Gesetzgebung ist durch und durch voll gesunder, pädagogischer Gedanken und nach ihrer ganzen Anlage dazu besonders geeignet, das israelitische Volk sittlich, religiös und für seinen eigenthümlichen Beruf zu erhalten. Der Mischna ist gerade dieser Lebensgedanke des mosaischen Gesetzes in zu hohem Grade verloren gegangen. Dieselbe häuft nur Bestimmungen auf Bestimmungen, bei denen lediglich der Gedanke maßgebend ist, ein vom Sinai herstammendes Gesetz auf alle Weise zu drehen und zu wenden, um eine Anzahl von neuen Festsetzungen daran knüpfen zu können. Man treibt hierbei ganz überwiegend nur eine äußerliche, formale Arbeit. Der Wunsch ist, etwas Besonderes vor allen anderen Nationen zu besitzen, und man ist königlich erfreut, wenn man durch Dialektik und Advokatenkünste, durch Sophistik und Spitzfindigkeit, durch Ausschweisen in alle Möglichkeiten und Unmöglichkeiten hinein „Berge an ein Haar gehängt" oder „neue Ziegelsteine, um die trennende Mauer noch weiter zu erhöhen," gefunden hat. Das lebendige Objekt, das Volk Israel selbst, die Herzen und Gemüther, die innere und äußere Erziehung desselben beachten diese Gesetze nicht viel; die Rücksicht auf die natürliche Beschaffenheit des Menschen vergißt man gewöhnlich; man scheut es nicht, das Kleinlichste und Kindischste und Verkehrteste dem Volke als unüberschreitbare Satzung aufzulegen; denn alle diese Sonderbarkeiten vermehren die Ehre Israels. Alle Anderen muthet diese Welt der Mischna völlig fremd an; sie können es nicht begreifen, wie eine Nation, die in jene sinaitischen Ordnungen, welche überall heilige Lebensgedanken herausleuchten lassen, hineingestellt war, ein, das Ganze angesehen, so wüstes Haus wie die Mischna sich erbauen und darin wohlsühlen konnte; aber gerade im Gegentheil befriedigt es das nachchristliche Judenthum um so mehr, je mehr die Anderen ihm sagen, das sei ihm eine fremde