Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 29 (1873)
- Issue
- 9-10 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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141 Welt war ihnen der einzige Inhalt und Zweck des mosaischen Gesetzes. Als daher theils die Verbannung in die Fremde, theils die Knechtung durch die fremden Völker im eigenen Lande, die mosaische Gesetzesordnung vor ihren Augen allmählich zertrümmerte, blieben die Juden bei dem Einen, daß sie ihren Vorzug behalten müßten, und eben zu diesem Zwecke richteten sie sich an Stelle des zerbröckelnden mosaischen das talmudische Gesetz aus eigener Machtvollkommenheit auf. Sie frugen nicht, woher es kam, daß Gott, ihr Gott, die Erhaltung des alten Gesetzes unter ihnen zur Unmöglichkeit machte; sie dachten nicht an das Wort Mosis, welcher ihnen Zeiten und Verhältnisse solcher Art allein als Strafe und Gericht Gottes angekündigt hatte; sie hielten an ihrem Vorzüge als dem Einzigen, was bleiben müßte, fest, und durch den Zaun des mündlichen Gesetzes, den sie selbst zogen, glaubten sie sich nach wie vor von der übrigen gemeinen Menge als die Auserwählten geschieden. Das war die treibende Kraft, aus welcher die Mischna erwuchs. Menschliche Autoritäten traten nun an du Stelle der göttlichen Autorität. Die auf die Stimme MosiS, der Propheten, der Schrift und des Messias nicht geachtet hatten, wurden um so eifriger, die Stimmen und Autoritäten von Rabbinern zu hören. Mischna und Talmud wurden Alles, die heilige Schrift und die Propheten insbesondere traten völlig in den Hintergrund. Die beim stnaitischen Gesetze so viel ab- und zugethan hatten, litten nicht, daß an ihren eigenen Zusätzen „gemäkelt und gerüttelt würde," wie Grätz richtig sagt. Wo Gott durch Mosen Gebote gegeben hatte, sah man keine Schranke; wo man selbst eigene Entscheidungen getroffen, sollten dieselben als Gottes Stimme unweigerlich respectirt werden. Kein Wunder, daß auch sonst der Geist, der diese neue Ordnung der Dinge geschaffen hat, eine große Verschiedenheit von dem Geiste des mosaischen Gesetzes zeigt. Grätz sieht sehr richtig im mosaischen Gesetz weithin den Geist der Liebe walten, er bekennt aber, daß dieser in der Mischna doch hinter den des strengen Gesetzes auffallend zurücktrete. Er behauptet ganz richtig, daß sich hier oder da auch wohl in der Mischna eine milde Gesinnung gegen Fremde zeigt, im Uebrigen aber dieselbe vielfach einen harten und feindseligen Geist