Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 29 (1873)
- Issue
- 9-10 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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140 durchaus Berücksichtigung verlangt. Es muß irgendwie ein Zwiespalt im Geiste vorliegen, sonst würde man sich bei dem früheren beruhigen. Der Zwiespalt ist in diesem Falle auch deutlich zu erkennen. Grätz hebt mit Recht hervor: daß die Mischna völlig überwiegend einen juristischen Charakter trägt; es kommt in derselben vor Allem darauf an, daß bestimmte bürgerliche Festsetzungen inne gehalten werden. Das mosaische Gesetz ist ja allerdings auch von Anfang bis zu Ende ein großer Gesetzescoder, aber seine Eigenthümlichkeit besteht darin, daß es Alles und bis in das Einzelne, Unbedeutendste hinein aus Gehorsam, Liebe und Ergebung gegen Gott gehalten und vermieden wissen will. Diese Gesinnung soll Alles regieren, und sie eben soll darin zu Tage treten, daß sie Worte und Thaten, Gedanken und Begierden der Seele ganz in die Ordnungen des mosaischen Gesetzes stellt. Alsdann aber heißt es: „thue die Gebote, so wirst du leben/' und „Verflucht ist Jedermann, der nicht hält alle Gebote dieses Gesetzes." Völlige Makellosigkeit, Vollkommenheit geradezu und die Heiligkeit, welche Gott besitzt, fordert dieses Gesetz, und eben ihm selbst gegenüber soll es auch Praktisch, sichtbar und greifbar zu Tage treten, wie es mit der Liebe und dem Gehorsam des Israeliten gegen Gott bestellt ist. So hat das Gesetz denn einen ernst pädagogischen Zweck, es soll den Israeliten ein klares Bewußtsein über ihre ganze sittliche Beschaffenheit und selbst über das verborgene Leben der Seele, über das Dichten und Trachten des Herzens, über alle Regungen und Bewegungen ihres Innern bringen. Wer dann dem Ernste eines solchen Gesetzes nachdachte, wer den Eindruck des „du sollst vollkommen sein" und „verflucht ist, wer nicht hält alle Gebote," also verflucht ist auch, wer nur einem anderen Gedanken in der Seele Raum giebt, als dem der völligen Liebe zu Gott und dem Nächsten, auf sich wirken ließ, der konnte nicht anders, als gänzlich zerbrochen, gänzlich an sich selbst verzagend in den Spiegel dieses Gesetzes blicken. Das haben aber die Juden in ihrer Mehrzahl nicht gethan, sie fühlten den Stachel des Gesetzes nicht. Die große Menge unter ihnen dachte nur daran, daß sie von Gott bevorzugt worden seien, Gottes Volk zu sein; ihre besondere Ehre vor allen Nationen der