Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 29 (1873)
- Issue
- 9-10 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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131 ein wirksames Element in die jüdische Geschichte eingriff, blieb ste gewissermaßen in der Schwebe. Von den Pharisäern behauptet, von den Sadducäern geleugnet, von der Schule Schamais, dem Zeitgenossen Hillels in enge Grenze gezogen, von der Schule Hillels erweitert, von den Nachfolgern derselben vielfach bereichert, erlangte die Ueberlieferung durch Rabbi Juda zwischen 170 — 210 nach Christo eine feste Gestalt und übte durch Inhalt und Form eine geistige Macht in einer langen Reihe von Jahrhunderten aus. Die Mischna wurde neben der heiligen Schrift die Hauptquelle geistiger Anregung und Forschung, ste verdrängte zu Zeiten sogar die Schrift und behauptete stch als alleinige Gebieterin. Sie wurde das geistige Band, das die verrenkten Glieder der jüdischen Nationalität zusammenhielt und machte das sichtbare Band entbehrlich. Der Grundzug der als bindende Norm anerkannten Mischna ist der streng gesetzliche, ja juristische Charakter, den ste dem Judenthume für die ganze Folgezeit aufgedrückt hat. Der ganze Umfang derselben, die Gebote und Verbote, die Bestimmungen der S Bücher Mosis und die aus ihnen gefolgerten, gelten ihr als Befehle und Dekrete Gottes, an denen nicht gemäkelt und gerüttelt werden dürfe; ste müssen unverbrüchlich nach Vorschrift befolgt werden. Es ist nicht zu verkennen, daß die Kämpfe, welche das Judenthum durchwühlt hatten, die gewaltthätigen Eingriffe des Hellenismus unter Antiochus Epiphanes, der erbitterte Gegensatz des Sadducäerthums, die allegorische Deutelei und Verflüchtigung der alerandrinischen Religionsphilosophen und zuletzt die gesetzesfeindliche Haltung des Paulinischen Christenthums und der Gnostiker es soweit gebracht haben, in dem jüdischen Bekenntnisse das streng gesetzliche Wesen hervorzukehren und zu betonen. Im graden Gegensätze gegen die alexandrinische und gnostische Richtung, welche die im Judenthum waltende Liebe Gottes besonders hervorhob, warnt die Mischna, der erste feste Codex des Judenthums, vor dieser Anschauung und befiehlt, einem Vorbeter Stillschweigen aufzulegen, welcher Solches im Gebete durch die Formel: „sogar bis auf das Vogelnest erstreckt sich deine Liebe," auödrücken wollte. Alles ist daher in der Mischna gesetzlich normirt, wenig der freien Entschließung überlassen, wie viel 9*