Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 29 (1873)
- Issue
- 7-8 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Der Lärm aber während des Austheilens war so fürchterlich, daß wir unser eigen Wort nicht verstehen konnten; es war unmöglich, ste zur Vernunft zu bringen. Während wir die Becher zusammensuchten, um diese zu retten, waren namentlich meine bekannten Schuhputzer, ungefähr 12 an der Zahl, wie außer sich vor Tollheit. Ich versuchte mich zu ihnen zu setzen, um ihre Austnerksamkeit zu fesseln, als ein kleiner Junge an meiner Seite einen so gewaltigen Schlag auf den Kopf erhielt, daß er auf die gegen üb erstehende Reihe der Jungen fiel und von diesen abprallend erst wieder auf seine Füße zu stehen kam. Als er, seinen Kopf zwischen beiden Händen haltend, wie betäubt aufstand, rief ein Bursche ihm zu: „Wage es, ste anzurühren!" und begleitete diese Drohworte mit geballter Faust und dem Versprechen, ihn draußen noch mit einer Tracht Prügel zu belohnen. Der Knabe hatte versucht, mir mein Taschentuch zu entwenden, und darum war er so exemplarisch bestraft worden. Jetzt sind schon Jahre seit diesem unserm ersten Zusammentreffen dahingegangen, und obgleich diese Buben noch ebensoviel vom Stehlen, wie vom Schuhputzen und Straßenkehren leben, so findet immer noch zwischen uns das trauliche Nicken statt, so oft ich mich der Ecke nahe, und es kommt oft vor, daß sie mir anbieten, mich auf unsicher» Wegen, die ihnen besser bekannt sind, zu begleiten, oder mir eine Droschke herbeizurufen. Ich habe erfahren, daß unter den Schlechtesten das menschliche Herz immer noch empfänglich für Beweise des Wohlwollens und der Liebe ist. Seit jenem Abend wurde es mir bewußt, daß mehr geschehen müsse, diesen sittlich Verkommenen ein Bewußtsein von Recht und Unrecht beizubringen, und sie für den Einfluß des Evangeliums empfänglich zu machen. Mir schien damals fteilich der Weg verschlossen, denn meine Kräfte waren in Anspruch genommen von der Arbeit an den Schwefelholzkästchen-Arbeiterinnen, aber das Gebet für sie blieb mir und meinen Freunden. Der Gedanke an diese elenden, mit Lumpen und Ungeziefer bedeckten Knaben, welche zum größten Theil barftlß, heimathloS und freundlos im kalten Winter umherirren, in Dachrinnen, leeren Fässern, Fensternischen oder Ge-