Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 29 (1873)
- Issue
- 3-4 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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man konnte ihm deswegen nichts anhaben. Die freie Meinungsäußerung war durch die häufigen Debatten der Schule Schammai's und Hilles so sehr Gewohnheit geworden, daß nicht leicht Jemand wegen einer abweichenden religiösen Ansicht verfolgt wurde, vorausgesetzt, daß er nicht allgemein anerkannte Religionsgesetze übertrat oder gegen den Gottesbegriff des Judenthums verstieß. Und eben an diesem Punkte bot Jesus dem Angriffe eine schwache Seite dar. Das Gerücht hatte sich wohl verbreitet, daß er sich als Sohn Gottes bezeichnete, ein Wort, das, wenn es in seinem schlichten Sinne genommen werden sollte, zu tief in die religiöse Ueberzeugung der jüdischen Nation einschnitt, als daß die Vertreter derselben gleichgültig darüber hätten hinweggehen können. Allein wie sollte sich das Tribunal Gewißheit darüber verschaffen, ob er sich wirklich als solchen ausgab, und welche Bedeutung er dem Worte beilegte? Allzu verschwenderisch ging Jesus wohl mit dem Worte nicht um, sondern gebrauchte es wahrscheinlich nur im engern Kreise seiner Jünger. Wie sollte man das erfahren, was ein Geheimniß dieses Kreises war, und in welchem Sinne er es verstanden wissen wollte? Dazu brauchte man einen Verräther aus eben diesem Kreise und dieser ward an Judas Jscharioth gefunden, der, wie erzählt wird, von Habgier ergriffen, denjenigen dem Gerichte überlieferte, den er bis dahin als Messias verehrt hatte. Eine jüdische Quelle, die ihrer ganzen Haltung nach alt und glaubwürdig erscheint, setzt die Art ins rechte Licht, wozu dieser Verräther benutzt worden ist. Das Gericht brauchte, um Jesus als falschen Propheten oder als Volksverführer anklagen zu können, zwei Zeugen, welche die verfänglichen Worte aus seinem Munde vernommen haben. Der Verräther sollte ihn also zum Sprechen bewegen, damit die zwei Zeugen, welche in einem Verstecke auf jedes Wort lauschten, es deutlich vernehmen könnten — ein Ausnahmeverfahren, welches wohl nur in diesem einzigen Falle vorgekommen sein mag und später gegen Volksverführer zum Gesetz erhoben wurde (Talmud Babli Synhedrin pag. 67a. und Jeruschalmi VII., 16 pag. 25.) Nach der christlichen Quelle hätte Judas Verrath nur dazu gedient, Jesus in der Mitte seiner Jünger den Häschern und der sie begleitenden Volksmenge