Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 29 (1873)
- Issue
- 3-4 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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habe sich auf ihn in Gestalt einer Taube niedergelassen und ihm seinen Beruf verkündet. Wiewohl es sich nicht Nachweisen läßt, ob Jesus in den Essäerorden förmlich ausgenommen wurde, so läßt sich Vieles aus seinem Leben und Wirken nur durch die Annahme erklären, daß er sich essäische Lehrsätze angeeignet hat. Wie die Effäer stellte Jesus die freiwillige Armuth hoch und verachtete den Reichthum, den Mammon. Mit den Essäern theilte Jesus die Scheu vor der Ehe. Die Gütergemeinschaft, welche eine Eigenthümlichkeit der Essäer war, muß Jesus ebenfalls nicht bloß gebilligt, sondern geradezu empfohlen haben. Er schärfte ferner, gerade wie die Essäer, die Scheu vor jedem Eide ein. Kaum braucht es bemerkt zu werden, daß die Wunderheilungen, die ihm zugeschrieben werden, namentlich das Austreiben von Dämonen aus Besessenen durch Besprechen, in dem essäischen Kreise heimisch waren, und dort als ein eignes Geschäft betrieben wurden. Es ist wohl auch ein Rückschluß von seinem Kreise auf den Stifter erlaubt, daß er wie dieser dem Essäerthum huldigte. Von seinem Bruder wird nämlich mit aller Bestimmtheit erzählt, er habe ein Effäerleben geführt, habe keinen Wein getrunken, kein Thierfleifch genossen, sein Haar nie geschoren, kein Oel gebraucht und sich stets in Linnen gekleidet. Aber es scheint, daß Jesus sich lediglich die wesentlichen Züge des Essäerthums angeeignet habe: die Vorliebe für die Armuth, die Verachtung des Reichthums und des Besitzes, die Gütergemeinschaft, die Ehelosigkeit, die Scheu vor dem Eide und die Fähigkeit, Besessene, Mondsüchtige und dergleichen Leidende zu heilen, die unwesentlichen Punkte dagegen, wie die strenge levitische Reinheit, das öftere Baden, das Tragen eines Schurzes und Aehnliches fahren ließ. Als Johannes von dem herodianischen Fürsten Herodes Antipas als staatsgefährlich in die Festung Machärus gebracht worden war, gedachte Jesus ganz einfach das Werk seines Meisters fortzusetzen. Er verkündete wie dieser: „Thut Buße, denn das Himmelreich ist nah", vielleicht ohne daran zu denken, daß er im Himmelreich, d. h. in der bevorstehenden Messiaszeit eine Hauptrolle haben werde. Indessen mag Jesus eingesehen haben, daß, wenn sein Ruf nicht wie der des Täufers in der Wüste verhallen, sondern eine Wirkung hervorbringen