Mannheim
Compact Memory

Dibre Emeth · 1873-01-01 · 3-4 (1873) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
29 (1873)
Issue
3-4 (1873)
Date
1873-01-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2554541-2554805-2554808--05922-2561894
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Judäa heimisch gemacht hatten. Er war mit dem geringen Maße seiner Kenntnisse und der verwahrlosten, halbaramäischen Sprache seiner Heimath auf Galiläa angewiesen. Was ihm indeß an Theorie abging, das ersetzte bei ihm das Gemüth. Herzensadel, tiefsittlichen Ernst und Lebensheiligkeit muß er in einem hohen Grade besessen haben. Das tönt aus allen den Aeußerungen heraus, die sich als echt bewähren, es tönt sogar aus den entstellten Lehren heraus, welche seine Anhänger ihm in den Mund legten. Jesu Sanftmuth und Demuth erinnern an Hillel, den er sich überhaupt zum Muster genommen zu haben scheint, und dessen goldenen Spruch: „Was du nicht willst, das man dir thue, thue auch Andern nicht", er zum Ausgangspunkt seiner Lehren machte. Wie Hillel betrachtete Jesus die Friedfertigkeit und Versöhnlichkeit als die höchste Tugend. Sein ganzes Wesen war erfüllt von jener höheren Religiosität, die Gott nicht blos die Gebetsstunde, einen Weihetag, eine länger oder kürzer anhaltende andächtige Stimmung weiht, sondern jeden Schritt der Seele auf Ihn bezieht, Ihm Alles unterwirft und mit kindlicher Hingebung Alles Ihm anheimstellt. Er war durchdrungen von jener Nächstenliebe, welche das Judenthum auch gegen den Feind einschärft. Gewiß ist ihm kein Fluch gegen seine Feinde entfahren, und seine übertreibenden Verehrer thaten ihm wohl Unrecht, wenn sie ihn Flüche ausstoßen lassen oder ihm lieblose Worte gegen seine eigene Mutter in den Mund legen (?!). Er mag in den leidenden Tugenden das Ideal erreicht haben, welches das Judenthum, selbst das pharisäische Judenthum aufstellt: „Zähle dich zu den Unterdrückten, und nicht zu den Unterdrückern, höre Schmähungen an und erwidere sie nicht; thue Alles aus Liebe zu Gott und freue dich der Leiden." Seine ganze Gemüthsrichtung, welche Gewaltthätigkeit, weltliche Bestrebungen und Parteihader verabscheute, mußte Jesus zu den Essäern hinziehen, die ein beschauliches Leben führten, der Welt und ihrer Eitelkeit fremd waren. Als daher Johannes der Täufer, oder richtiger der Essäer, zur Taufe in dem Jordan, zur Buße und zur Förderung des Himmelreichs einlud, begab sich Jesus zu ihm und wurde von ihm getauft. Die ausschmückende Sage erzählt: Der Himmel habe sich bei diesem Akte geöffnet, und der heilige Geist 3*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.