Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 29 (1873)
- Issue
- 1-2 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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31 in ihren Viehställen oder die moralische Pest in ihren Häusern und Ortschaften ausgerottet haben würden. Und endlich, obwohl Gewaltthaten immer die Herzen derer, welche sie thun, verhärten, so ist es doch bekannt genug, daß selbst Inquisitoren, weit entfernt von einer Verspottung der Leiden ihrer Opfer, diese Leiden mit zitternden Händen, gebrochener Stimme und Thränen in den Augen verhängten. Verfolger sind keine Muster christlicher Vortrefflichkeit, das wahrste Christenthum weist sie auf das Entschiedenste zurück; aber selbst Verfolger sind es im Allgemeinen nicht aus Liebe zur Verfolgung gewesen, sondern aus der tiefen und schmerzvollen Ueberzeugung, daß Verfolgung eine Pflicht und Nothwendigkeit sei. Man wird entgegnen, und zwar mit Recht, daß um des Allen willen Socrates und Marc Aurel große Muster der Humanität waren, die sich zu einer edlen Höhe moralischer Größe in einem Zeitalter der Grausamkeit und Zügellosigkeit erhoben, und daß wir von ihnen nicht Alles erwarten können, was wir von einem christlichen Apostel oder Könige erwarten dürfen. Das sei von Herzen zugestanden. Aber cs beweist allein, daß eben das Christenthüm unsere Begriffe von Vortrefflichkeit und die Charaktere derer, welche es ergreifen und ihm folgen, unermeßlich über die höchste Stufe und die edelsten Charaktere der Welt, die niemals von Christo gehört, erhöht hat. Ich muß mit meinen schwachen und unvollkommenen Worten in dieser hohen Sache zum Schluß eilen. Ich habe zu zeigen gesucht, daß Christi Leben und Lehre, wie wir sie in den am Wenigsten verdächtigen Berichten dargestellt finden — in Berichten, die unmöglich die allmäbligen Zusammenschweißungen der nachfolgenden Zeiten oder die sorgfältigen Nachgedanken von Enthusiasten oder Betrügern haben sein können — im höchsten Grade original waren; nicht darauf berechnet in Folge irgend eines Bündnisses mit Vorurtheilen oder Leidenschaften Anziehungskraft zu üben; daß sie das wunderbarste Ideal einfacher Größe und großer Einfachheit darstellen; daß die Macht, welche sie üben, nicht aus einer zu Tage liegenden Effekthascherei, selbst nicht aus allerlei Beweisführungen und Ueberredungen, sondern aus der Kraft der Wahrheit und aus ihrer Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse stammt; daß die Macht, welche sie ausübten und noch ausüben, die größte moralische Macht ist, die je über Menschen geübt war; daß sie Menschen und Nationen zu einer höheren Stufe der Civilisation, der Menschlichkeit und der Reinheit erhoben haben und noch erheben, als irgend etwas je zuvor. Und ich frage, was können wir über das Factum zur Erklärung sagen, daß dies alles durch die Lehre eines mit Wissenschaften nicht vertrauten Landmannes in, dem verachtetsten Winkel eines verachteten Landes geschehen ist? Giebt eS irgend ein Phänomen in der Wissenschaft, der Moral oder der Naturkunde, das ernster eine ausdauernde und ehrliche Nachforschung fordert?