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Dibre Emeth · 1873-01-01 · 1-2 (1873) · page 30

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
29 (1873)
Issue
1-2 (1873)
Date
1873-01-01
Page
– (sequence 30)
Language
German
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30 Socrates zuerst. Können wir es uns vorstellen, daß ein Apostel Christi, wie wir das doch von Socrates wissen, sich an Trinkgelagen betheiligte, wo manche sich berauschen; und daß jener zwar nicht gern viel wank, aber, wenn er nun gcnöthigt wurde, mehr als die anderen zechte, ohne jedoch Zeichen der Trunkenheit zu zeigen? Man kam es sich nicht denken, daß die unaussprechliche Zügellosigkeit des Alcibiades, die während eines jener Trinkgelage zu Tage trat, ebenso herausgetreten wäre, ich will nicht sagen in der Gegenwart des heiligen Paulus oder des heiligen Johannes, oder in der Gegenwart irgend eines christlichen Geistlichen seit jener Zeit, nein, auch selbst nur in der niedrigsten Gesellschaft englischer Trunkenbolde. Nehmen wir dann Marc Aurel. Lecky, der beredte und tüchtige Beschreiber „Europäischer Sitten" hat ihn als ein Beispiel dessen aufgestellt, was reine Philosophie wirken kann, und zur Vergleichung zwischen ihm und den erhabensten und geheiligtsten Nachfolgern Christi aufgefordert. Wir dürfen wohl den Adel, die Uneigennützigkeit, die Einfachheit und die Erhabenheit seines Charakters anerkennen. Kein absoluter und unverantwortlicher Herrscher über Menschen ist je „tadelloser in seinem hohen Amte" gewesen. Dennoch trennen die Eingeständnisse, welche sein Panegyriker über ihn gemacht hat, ihn durch eine scharfe Scheidelinie von den höchsten Mustern christlicher Heiligkeit. Als sein Weib starb, wollte er um seiner Kinder willen keine zweite Ehe eingehen, sondern zog die Gemeinschaft mit einer Maitreffe vor. Als er die Christen verfolgte, eine That, die wir vielleicht nichtverstandener Gewissenhaftigkeit zuschreiben möchten, verfolgte er sie nicht allein, sondern verspottete sie auch in ihren Leiden. Könnten wir selbst in diesen Tagen Jemand einen Christen nennen, der so irrte? Namenchristen fallen ohne Zweifel in Zügellosigkeit, aber darum wissen sie sich auch im Widerspruch mit ihrem Christenthum. Christen, Gott sei es geklagt, haben solche, die sie als Ketzer betrachteten, verfolgt. Aber wir müssen ordentlich die traurige Geschichte der Verfolgung betrachten, ehe wir einfach behaupten, daß auch die römischen Kaiser nicht mehr thaten. Zuerst war Verfolgung mit den Principien des Heidenthums nicht unverträglich, noch ist sie es mit denen des Atheismus oder der atheistischen Philosophie, wenn es überhaupt solche in derselben gibt; aber sie ist völlig unverträglich mit den Principien, die Christus gelehrt hat, und konnte nur ertragen werben, wenn diese Principien verkehrt oder verdunkelt worden waren. Sodann hielten christliche Verfolger in dem Glauben, daß ihre eigene Form des Christenthums allein der Glaube wäre, welcher die Menschen selig machen köirnte, die, welche diesen Glauben entstellten, für gefährlicher als Räuber und Mörder, und dachten daher, obwohl irrthümlich, beständig, daß sie ebenso verpflichtet wären die Ketzerei zu vertilgen, als sie die Pestilenz

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