Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 29 (1873)
- Issue
- 1-2 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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27 kein politischer Reformator war, ebenso auch nicht ein socialer Reformator, ja selbst nicht einmal an erster Stelle ein Reformator der Moral. Seine Mission bestand darin, die ganze geistliche Natur der Menschen zu erheben, und er that dies durch die Einpflanzung eines neuen religiösen oder geistlichen Princips in die Gesellschaft. Es gehörte nicht zu den Absichten dieser feiner Mission, sich in jede Einzelheit des socialen Lebens einzulassen, noch weniger politische Einrichtungen zu regeln. So verklagt er niemals den Krieg oder kaiserliche Tyrannei oder selbst die politischen Parteien der Juden. Es ist kaum eine Frage, daß plötzliche Emancipation einer großen Sclaven- Bevölkerung niemals wünschenswerth sei. Und wenn die ersten Christen gegen eine tief eingewurzelte sociale Einrichtung gepredigt hätten, so würden sie leicht große politische Erschütterungen hervorgebracht und die Verhältnisse zuletzt unerträglicher gemacht haben, als es selbst die Lage derer war, die sie zu befreien wünschten. Aber die Principien der Lehre Christi sind der Sklaverei direct zuwider, und ihr Fortschritt hat unabänderlich darnach gestrebt, sie zu mildern und zuletzt ganz aufzuheben. Das Princip der brüderlichen Verwandschaft aller Menschen ihres gemeinsamen Betheiligtseins an Gott und der Gemeinsamkeit desselben Menschenwesens mit Christo, das Princip „daß in dem christlichen Gemeinwesen weder Jude noch Grieche, weder Mann noch Weib, weder Knecht noch Freier sei, sonderit sie alle eins wären in Christo"; dies Princip kann nicht verwirklicht werden, ohne daß es auch die entwürdigende Knechtung eines Menschen unter den anderen beseitigte. Und, wie die Thatsachen lehren, so hat es dies gethan. Die zu Wege gebrachte Umwandlung war eine allmählige, aber sichere. Zuerst wollten Mönche, besonders orientalische Mönche, nicht mehr von Sclaven bedient werden; dann verloren Missionare niemals eine Gelegenheit, Sclaven zu befreien. Kirchliche Gesetzgebungen erklärten, daß die Sclaven Menschen und nicht eine Sache oder ein Stück Vieh seien; sie setzten es als Bestimmung fest, daß ihr Leben auch ihr Eigenthum sei und ihnen ohne öffentliche Untersuchung nicht genommen werden könne; sie legten dem Herrn, der des unvorbedächten Mordes eines Sclaven schuldig war, Buße und die Ausschließung vom Abendmahl auf; sie öffneten denen, welche vor der Grausamkeit ihrer Herren flohen, Zufluchtsstätten und erklärten die Befreiung von Sclaven als ein Gott wohlgefälliges Werk. Die Abschaffung der Haussclaverei war eine der wichtigsten Pflichten, die den Misstonsbemühnngen der mittelalterlichen Kirche aufgelegt war. Wohl ist es traurig daran zu denken, wie die Plage der Sklaverei bei der Entdeckung West-Indiens und Amerikas wieder ausbrach und noch dazu in einer ihrer empörendsten und entwürdigendsten Formen : aber es ist ebenso wahr, daß das Christenthum und die christliche Mission von Anfang an dagegen gekämpft haben, und daß sie endlich Erfolg