Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 29 (1873)
- Issue
- 1-2 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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so verdorben, daß die Welt selbst ihrer eigenen Gottlosigkeit müde war. Sehr wahr; dennoch hatten gerade in dem Augusteischen Zeitalter, in welchem Jesus lebte und lehrte, die alte Kunst und Wissenschaft, der feine Geschmack und die Philosophie ihren höchsten Gipfel erreicht. Sehr wahr; und doch hatte das, was unsere einzige Zuflucht sein mag, wenn wir vom Glauben abwendig gemacht worden sind, Alles dargeboten, was es jemals darzubieten haben kann. Die Moralphilosophie hatte ihr Bestes gethan. Socrates, Plato, Aristoteles, Epiktet, Seneca hatten Alles geleistet, was man durch Schlußfolgerungen und Morallehren leisten kann, um die Menschen vom Laster hinwegzuziehen und sie zur Tugend hinzuleiten. Und bei alledem zeigte die Erde eine wahre Aehnlichkeit mit der Hölle. Ohne Zweifel waren die Menschen dessen müde und sie hörten um so bereitwilliger auf ihn, der den Müden Ruhe verhieß. Ist es daher nicht ein deutlicher Beweis für einen heiligen Plan und heilige Weisheit, daß die Arznei gerade zu der Zeit angeboten wurde, wo man sie am meisten bedurfte, und wo die Noth auch am Schärfsten gefühlt wurde? 2) Man hat gesagt, daß die damalige Welt, in ihrer tiefen Unbefriedigung und Ruhelosigkeit, zur Rechten und zur Linken nach Befriedigung ausschaute, und daß sie deshalb leicht dem Aberglauben und dem Uebernatürlichen ein Ohr lieh. Es mag so gewesen sein. Sie hatte offenbar allen Glauben aufgegeben, nnd der Ungläubige verwandelt sich leicht in einen Abergläubischen. Aber ich kann den Schluß nicht für vernünftig halten, daß ein Zeitalter philosophischer Zweifelsucht und ungezähmter Zügellosigkeit, selbst wenn sich hiermit eine gewisse Geneigtheit für den Glauben an das Wunderbare verbindet, bereit sein sollte, die Ansprüche des Christenthums ohne sorgfältige Prüfung zuzulassen. Wenn das Christenthum Anforderungen der strengsten Moral mit sich brachte, bot es der Welt als Ersatz für ihre Philosophie bloßen Glauben, als Ersatz für ihre Zügellosigkeit die ernsteste Selbstverleugnung dar, und gab zwar keine Verheißungen für dieses Leben, wohl aber kündigte es Verachtung und Leiden und sehr wahrscheinlich sogar das Märtyrium an. 3) Man hat weiter gesagt, daß ihre unvergleichliche Orga-