Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 29 (1873)
- Issue
- 1-2 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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15 bestand wohl darin, Gott zu den Menschen herniederzubringen, aber nicht, ihn von seiner Stufe herabzustoßen und ihn dadurch zu erniedrigen. Er bekannte, daß er nicht ein Manngott wäre, wie der Saturn und Jupiter von Latium, wie der Lama von Tibet oder wie der Buddha von Ceylon und China: sondern der Gottmensch, Gott wohnend im menschlichen Fleisch, und alle Eigenschaften der Unendlichkeit in der Person eines Endlichen offenbarend. So beftiedigte er das Verlangen der menschlichen Seele, ohne die Würde des göttlichen Geistes zu verletzen. Man kann der Fabeln des Heidenthums ohne das Gefühl nicht gedenken, daß die Gottheit in ihnen nicht allein erniedrigt, sondern völlig verloren gegangen ist. Ich appellire aber an die Erfahrung und an die Herzen, ob die Auffassung von Gott, die uns durch Christum gebracht ist, nicht viel mehr eine höhere als niedrigere geworden ist — höher auch, als die Auffassung von dem Hohen und Erhabenen, welcher die Ewigkeit bewohnt, wie sie aus den Schlußfolgerungen unserer Vernunft heraustritt, oder wie sie unserem Glauben in dem Theismus der Philosophen, oder in den Schriften der jüdischen Propheten enthüllt wird. 3) Noch eins, Christus befriedigte die Bedürfnisse des Menschen als eines socialen und politischen Wesens. Die gesellschaftliche Verfassung hat immer zwischen absolutem Despotismus und bloßer Demokratie hin und her geschwankt. Manche sagen, daß alleiniges Ideal einer guten Regierung entweder ein väterlicher Despotismus oder „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" wären. Es ist vollkommen wahr, daß unser Herr es beständig ablehnte, sich in weltliche Politik zu mischen oder in die Angelegenheiten irdischer Reiche zu verflechten. Aber er erklärte, daß es seine Mission wäre, in dieser Welt ein Königreich aufzurichten, das nicht von dieser Welt wäre. Und die Principien, die Politik dieses Reiches verbinden in wunderbarer Weise den unumschränkten Willen eines Vaters und Königs mit der brüderlichen Gleichheit in dem ganzen Volke. Als König des Gottesreiches forderte er die aufopferndste Ergebung und den allerpünktlichsten Gehorsam; aber den Angehörigen des Reiches sagte er: „Ihr seid alle Brüder." Er verbot es, daß irgend Jemand nach einem Vorrange oder einer gebietenden Stellung trachtete,