Mannheim
Compact Memory

Dibre Emeth · 1873-01-01 · 1-2 (1873) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
29 (1873)
Issue
1-2 (1873)
Date
1873-01-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2554541-2554805-2554807--05900-2561871
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

14 ganz beherrschen. In Christi Lehren war etwas unendlich Mächtigeres. Er stellte sich selbst seinen Nachfolgern als den alleinigen, und als den eigentlichen Gegenstand ihrer Ergebenheit und Liebe dar. Nun sind diese Ergebenheit und diese Liebe der Quell für ein edles und selbstloses Leben. Der Diener des Gesetzes lebt im Gehorsame desselben, weil er mit seiner Uebertretung Gefahr läuft, Strafe zu erleiden. Der Moralist hält sich mit besonderer Rücksicht auf sein Selbst im Zaum. Gerade die Rothwendigkeit sich selbst im Zaume zu halten, richtet das. moralische Auge nach innen, wirkt ein Sichbewußtwerdcn des eigenen Selbst, und bringt dann vielleicht ein Verzagen in Folge des eigenen Fehlens, vielleicht ein Selbstvertrauen, auf den eigenen Erfolgen beruhend, hervor. Die Wirkung treuer und ergebener Liebe ist noch eine andere. Das Auge, das Herz, die Hoffnung wenden sich alle nach außen, aber beim Christen nicht nur nach außen, sondern auch nach oben. DaS Resultat aber ist dann nicht die Rechnung führende Moralität, die einen Menschen gar leicht selbstisch machen kann, sondern die ihn ganz dahinnehmende Liebe eines Meisters, die ihn nun auch Sichselbst dahingeben läßt. Und mit der Liebe und der Ergebung an den Meister, kam auch das Brudergefühl für alle, welche diesen Meister liebten und ihm gehorchten; ein enges Band der Brüderschaft mit ihnen und ein ernstes Verlangen, auch die Anderen zu diesem Bruderbünde zu bringen; und sodann eine allgemeine Liebe zu allen Menschen. So sorgte der große Lehrer für die Bedürfnisse des Menschen als eines moralischen Wesens. 2) Sehen wir jetzt, wie er für seine Bedürfnisse als eines geistigen Wesens sorgte. Alle Religionen des Alterthums bezeugen, daß, während die Seele hinaufzublicken und in Etwas, das über ihr wäre, zu ruhen sich sehnte, sie dennoch immer darnach trachtete, das, was oben war, auf die gleiche Stufe mit sich selbst herniederzuziehen. Unendlichkeit konnte das Alterthum nicht fassen und versuchte daher dieselbe immer endlich zu machen. So erdachte es denn Götter, die Menschen oder Götzen waren. So degradirte es Gott, damit er nicht höher als ein Mensch wäre, ja es machte seinen Meister dem grasenden Ochsen ähnlich. Was Jesus that, das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.