Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 29 (1873)
- Issue
- 1-2 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2554541-2554805-2554807--05898-2561869- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
12 die aus keinem Grunde irgend welcher Art gegen ihn erhoben werden können, es werde denn der Grund geltend gemacht, daß er eben glaubte, was er lehrte, und ein vernünftiger Mensch solches nicht glauben könne. Behauptet man das aber, dann muß man diese Anklage doch wieder fahren lassen, denn Bako, Locke, Leibnitz, Newton haben dasselbe geglaubt, und es wird noch geglaubt von den vernünftigsten Köpfen in der Christenheit. Auf Betrug lautet eine andere Anklage. Ich habe darauf hingewiesen, daß der höchste Grundsatz der Lehre Christi die Wahrheit war. Wenn eS einen Punkt gäbe, um deswillen man mit einem Schein von Wahrheit sagen könnte, daß er ein Enthusiast gewesen sei, so würde derselbe seine Wahrheitsliebe und sein Haß gegen alles falsche und heuchlerische Wesen sein. Seltsam aber wäre es, wenn ein solcher Lehrer seine Lehre auf den Betrug gründete. Und es sei daran erinnert, daß der vermuthliche Betrug nicht geschah, um den Volksgeschmack zu befriedigen, oder aus den Volksvorurtheilen Vortheil zu ziehen, sondern um gegen das Alles anzulaufen und ihm zu widersprechen; daß es mithin offenbar ohne selbstlose Absicht geschah, und nur den völlig unintereffirten Zweck hatte, die Sitten der Menschen gegen ihren Willen zu bessern, offenbar aber auch keinen irdischen Gewinn erntete, sondern Verfolgung, Leiden und Tod. Fanatismus ist das Unerklärlichste, Betrug das Unwahrscheinlichste, das man je gehört und erdacht hat. III. Und nun sehe man, was die Lehre dieses sogenannten Fanatikers und Betrügers gewirkt hat. Ich setze die Anerkennung voraus, daß er zu einer Zeit lebte, da sich die Welt in besonderer Noth befand. Das Heidenthum wollte sie nicht mehr befriedigen. Die Welt war ihrer Kindheit entwachsen nnd hatte ihre Puppen hinweggethan. Die Philosophen verspotteten ihre alten heidnischen Gottheiten und selbst die Dichter konnten sie kaum noch im poetischen Spiel verwenden. Die Gesellschaft war bis ins Mark angefressen. Die alten Monarchien waren eine nach der anderen dahingesunken — Aegypten, Assyrien, Babylonien, Persien, Makedonien von ihren eigenen Laster erdrückt. Rom hatte allerdings den Gipfel der Macht erreicht, aber die Macht be-