Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 29 (1873)
- Issue
- 1-2 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2554541-2554805-2554807--05897-2561868- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
_11_ Jdeenkreis eintrat, von ihren Erwartungen Vortheil zog und ihrer Vorurtheilen schmeichelte. Sie erwarteten ohne Zweifel einen Messias, an dem viel Himmlisches, oder, wenn man will, Göttliches sein würde; sie erwarteten, er solle ihre Nation befreien, ihre Feinde unterwerfen, ihr Königreich auSbreiten. Aber sie dachten nimmermehr, daß ihr Messias den Anspruch erheben würde, der höchste Jehovah zu sein, sie dachten Niemals daran, daß er nicht ihre Leiber, sondern ihre Seelen durch sein Sterben als ein auf dem Altar geopfertes Lamm erlösen würde; sie dachten niemals daran, daß er anstatt ihrem Patriotismus Genüge zu thun und ihre Nation zu erheben, sie lehren würde, den Patriotismus der allgemeinen Menschenliebe unterzuordnen, und daß er statt das irdische Königreich Israel durch die Welt hin auszubreiten, ein Königreich gründen würde, welches ganz moralischer und geistiger Art sein, welches die Griechen, die Römer, die Samaritaner auf die nämliche Stufe wie die altbegünstigten Kinder Abrahams stellen würde. Von Gedanken dieser Art waren sie so fern, daß sie vielmehr um deßwillen ihren Messias kreuzigten. Und wenn dies Alles an Jesu original war, so war es eben so kühn. Der demüthige, nirgends prahlerische, selbstlose, jüdische Landmann erklärt sich selbst für den ewigen Gott. War es Anmaßung allein, so verdiente sie den Tod, welcher die Folge war. Aber wir wollen dies einen Augenblick näher betrachten. War es Fanatismus? Ich habe schon auf die Ruhe, die Selbstbeherrschung, die Nüchternheit Jesu hingewiesen. Kein Charakter in der Geschichte zeigt diese Eigenschaften so deutlich ausgeprägt. Da findet man kein Symptom von Unruhe, von Erregung, von Unmäßigkeit irgend einer Art in einem seiner Gespräche. Seine Beredsamkeit — und keiner kann sie bezweifeln, der gelesen hat: „Sehet die Lilien auf dem Felde an", der gehört hat: „kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid" — seine Beredsamkeit, obgleich sie das Herz mehr als irgend eine andere menschliche Beredsamkeit durchdringt, war niemals rhetorisch, niemals aufregend. Sie brachte Überzeugungen hervor, weil sie wie Wahrheit in Liebe gesprochen klang. In der Thal, Fanatismus oder Wahnsinn sind Anklagen,