Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 29 (1873)
- Issue
- 1-2 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5 den Eindruck hat er offenbar ihren Gemüthern hinterlaffen, daß er eine staunenswerthe Macht besaß, daß dieselbe aber mit unendlicher Herablassung gepaart war, und daß er sie beständig zum Gutesthun verwandte, niemals dagegen, um durch sie Uebles auszuführen. Sie glaubten, er habe die Macht, alle Dinge zu thun, hielte sie aber davon zurück, und wäre es selbst seinen größten Feinden, Böses zuzufügen; er habe sie nie gebraucht, um sich selbst Annehmlichkeit zu bereiten oder auch nur, um sich vor Roth, ja selbst von den schwersten Leiden zu befreien; er habe sie stets zum Besten Anderer angewandt, sein Selbst aber, das doch unaussprechlich groß war, in der That unaufhörlich eingeschränkt und verleugnet. II. Gehen wir nun für einige Augenblicke zu seiner Lehre über. Sie war ebenso merkwürdig, als er selbst. Andere Moralphilosophen oder Lehrer der Kunst deS Lebens disputirten mit ihren Schülern, indem sie ihnen Moralsnsteme oder theologische Theorien vorführten. Er gebrauchte keine Beweise, gab keine Theorien zur Erwägung, entwickelte keine ausgearbeiteten Systeme. Alles was er sprach, sprach er mit einer Autorität aus, welche seine Hörer in Erstaunen setzte, und das umsomehr, da sein Leben sich in so großer Niedrigkeit und sein Charakter in so großer Selbstverleugnung darstellte. Sein ganzes System der Casuistik könnte man auf vier oder fünf Seiten gewöhnlichen Druckes zusammenstellen; und obgleich Vieles darin neu war, und Alles von der zwingendsten Beweiskraft, empfahl es sich doch insbesondere den Gewissen derer, die es hörten. Es hat sich in der Hauptsache auch den Gewissen aller nachfolgenden Zeitalter empfohlen, und im Principe wenigstens beherrscht es noch die Moral der ganzen Christenheit, ja in bedeutendem Maße selbst die Moral der Anhänger Muhameds. Es ist leicht, die großen Prinzipien, die er so öffentlich aufstellte, im Kurzen zu spezifiziren. Als Wurzel liegt Allem „Wahrheit" zu Grunde. Von den Orientalen, unter denen er lehrte, ist immer gesagt worden, daß sie Betrug zu üben gar zu geneigt wären. Nichts aber hat Jesus Christus so sehr verurtheilt, als Unehrlichkeit und Heuchelei. Das Wort „Heuchelei" selbst, wie ich schon gesagt habe, und allen unseren instictiven Haß und Verachtung derselben, verdanken