Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 28 (1872)
- Issue
- 7-8 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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115 Brief und das Evangelium Lucae (von Biesenthal) in seinen Händen, und gab ihm, er bat darum, meine Adresse und die eines Missionars aus Breslau. So schieden wir. Der andere junge Mann, dessen ich oben Erwähnung gethan, bat mich bei unserer Trennung gleichfalls um ein Buch; ich gab ihm die Apostel-Geschichte; eine Jüdin, die mit uns im Wagen gesessen, wünschte für ihren Sohn Schriften zu erhalten, auch ihr Begehren wurde erfüllt. Dann zog ich meine Straße; 5 Stunden hatte unser Verkehr gedauert. Ich langte in N. an. Dem dortigen Pastor empfohlen, stellte ich mich demselben vor. Wir sprachen über den religiösen Zustand der Juden seiner Stadt. Er äußerte: „Die Einen begnügen stch mit dem Messias, den sie in der Tasche haben; die Andern lassen mit der Lehre von Christo nicht an sich herankommen", und dieses Urtheil war ein vielfach gerechtfertigtes. Ich logirte am Getreidemarkt, auf welchem ein großer Theil der Juden dieser Stadt seine Geschäfte macht. Die reichsten und vornehmsten Juden schließen hier ihre Verkäufe ab, und der arme Lastträger verdient stch an derselben Stätte sein kümmerliches Brot. Man sieht daselbst den alten orthodoxen Juden mit langem Rock und Gürtel, wie den reformirten in elegantester modischer Kleidung. In dieses Gemisch trat ich nun ein. Da bemerkte ich einen Juden, seine Hand mit Weizenkörnern gefüllt; er suchte die keimenden heraus und zählte sie. Um ihn stand eine Gruppe Juden, die auf seinen Urtheilsspruch über den Weizen, ob er koscher sei oder nicht, warteten. Ich wartete gleichfalls auf den Ausgang der Sache. Kaum hatte er sein Urthell „koscher" abgegeben, so sagte ich zu ihm: „Lieber Herr, Sie haben sich geirrt." Die Umstehenden machten große Augen, denn es handelte sich um eine große Partie Weizen. (Weizen, in dem sich ein größerer, als der talmudisch gestattete Theil keimender Körner befindet, darf nicht für die ungesäuerten Brote verwandt werden.) „Wie meinen Sie das?" „Ich meine, Sie haben schlecht gesucht." „Ich habe ja den Weizen dreimal durchgesehn und gut gezählt." „Und doch nicht gefunden. Sie haben ja nur nach Weizenkörnern für das Passahfest gesucht, aber nicht nach dem Kern des Passahfestes!" Da wandte 8*