Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 28 (1872)
- Issue
- 3-4 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Ferner, daß diese casuistische Reform jede Loslösunq von der Gesammtheit scheute und diese, die aus so verschiedenen Elementen besteht, im Auge behalten werden muß, noch dazu da selbst hinsichtlich des Cultus die außerordentliche Zersplitterung der jüdischen Masse in kleine Gemeinden jede Spaltung wie eine Art Selbstvernichtung fürchten ließ. Endlich ist gerade auf dem Gebiete der Religion die . Pietät für das Bestehende, tief in der Geschichte Wurzelnde stets achtenswerth, wobei freilich nicht verkannt werden darf, daß gerade die religiöse Pietät wiederum auf diesem Wege der casuistischen Reform durch die Resultate derselben sich verletzt und zu heftiger Opposition angeregt fühlt." Soweit Philippsohn. Er hat darin sicherlich Recht, daß sowohl die heutigen Orthodoxen, als die Reform-Juden westlich von der Weichsel ein ganz anderes Judenthum als das talmudische pflegen. Das Princip der Sclbstisolirung ist auf beiden Seiten durchbrochen, und nur das mehr oder weniger consequente sich den Anderen Gleichmachen bildet den Unterschied. Mit vollem Rechte dagegen hebt die heutige Reform es hervor, daß auch sie die Erhaltung des Judenthums in seiner Besonderheit und Eigenthümlichkeit principiell durchaus festhalte. Wird ihr dann von der Orthodoxie der Vorwurf gemacht, daß sie das schöne Princip durch die praktischen Wege, die von ihr eingeschlagen würden, völlig vernichte, so gibt die Reform der anderen denselben Vorwurf zurück, und zeigt der Orthodorie, daß sie sich mit ihr aus derselben Bahn befinde, dieselbe dagegen ein wenig langsamer beschreite. Es verhält sich auch in der That so. Denn neben ihrer ungeheuren Selbstschätzung bilden fast nur noch der GeschlechtSzusammenhang unter den Juden und die Antipathie der Völker gegen dieselben eine Schutzwehr für das Fortbestehen Israels. Diese drei Momente tragen das Meiste dazu bei, daß Israel in seiner Besonderheit erhalten wird. Der Kampf zwischen jüdischer Reform und Orthodoxie dagegen hat die Bedeutung, daß er die moderne Gestaltung des Judenthums verlangsamt und beide Theile daran erinnert, wenigstens einen Boden festzuhalten, auf dem ihr Bestand gesichert bleibe, nämlich den Boden des gemeinsamen und eigenrhümlichen Geschlechtes.