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Dibre Emeth · 1872-01-01 · 3-4 (1872) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
28 (1872)
Issue
3-4 (1872)
Date
1872-01-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
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48 göttlichen Vorsehung, welche das Menschengeschlecht auf seinen Wegen und zu seinen Zielen leitet, angesehen werden. Was bedeutet nun dieser Umschwung? Aus den fort und fort wirkenden Erfordernissen des materiellen Lebens, aus dem völlig veränderten Unterrichte und der ganz verschiedenen Erziehung der Juden und aus der Ausnahme der allgemeinen geistigen Cultur bildete sich in den Juden eine der Vergangenheit entgegengesetzte religiöse Anschauung. Mehr oder weniger bewußt gab der Geist die talmudisch-casuistische religiöse Rechtsanschauung auf und trat wieder in die vom Mosaismus begründete und vom Prophetismus entwickelte principielle Anschauung ein. Die Ansicht und das Gefühl des Rechtsverhältnisses zu Gott wurde aufgegeben, nicht mit einem Male, sondern allmälig, die Religion in der Erkenntniß des göttlichen Wesens, der Natur und Bestimmung des Menschen, in den Grundsätzen der individuellen und allgemeinen Sittlichkeit, in der Bethätigung dieser auf dem Wege des Gewissens und der Gewissenhaftigkeit, alles dies nach den Lehren und Vorschriften der israelitischen Religion auf Grund ihrer geschichtlichen Entwickelung und mit den Mitteln, die sie darbietet, und soweit sie sich mit dem Bewußtsein in Uebereinstimmung verhalten, gefunden. Diese völlig veränderte Anschauung, welche also das Gegebene anerkennt, aber der Erwägung des Gewissens übergiebt, um zur freien religiösen That zu werden, ist eben eine Thatsache, die sich in allen Vorgängen des individuellen und des Gesammtlebens kund thut, überall wirksam ist und vergebens geleugnet oder bekämpft wird. Von ihr aus mußte sich eine Reform im Judenthume von selbst vollziehen, eine Reform, welche zunächst in unzähligen Individuen und hier oft mit allzu schnellen Schritten, dann auch in der Gesammtheit wenn auch nur sehr langsam und allmälig, vor sich ging und vor sich geht. Und hier ist es nun, wo wir diese Reform theils als eine principielle, theils als eine casuistische zu bezeichnen haben. Diese principielle Reform, durchaus positiv, verfolgte zwei Aufgaben. Zuerst galt es, in dem, während der letzten Jahrhunderte erstorbenen und verknöcherten Judenthume neues Leben zu wecken, ihm das Bewußtsein seiner Mission, seiner geschichtlichen und Welt-

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