Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 28 (1872)
- Issue
- 3-4 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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45 Die Parteien des modernen Judenthums. Wiederholt ist in unserer Zeitschrift der Gestaltung des Parteiwesens unter den modernen Juden Erwähnung gethan. Bekanntlich sind es besonders zwei Richtungen, welche uns in demselben entgegentreten: die Reform und die Orthodoxie. Beide sind darin eins, daß die Vergangenheit, d. h. die Abschließung von dem Leben der Völker, unter denen die Juden wohnen, abgethan sein müsse; beide möchten aber auch den jüdischen Stamm und das Judenthum erhalten wissen. Die Mittel und Wege, wie dies zu erreichen sei, bilden den Streitpunkt. Von Interesse wird es sein, aus dem jüdischen Lager selbst eine Beurtheilung dieser Differenz zu vernehmen. Hören wir daher eine Stimme aus der Reformpartei. Die Nummer 32, 1871, der Philippsonschen Allgemeinen Zeitung des Judenthums bringt einen Artikel: „Die verschiedenen Gesichtspunkte" In demselben heißt es: „Beobachten wir die Bewegungen im Judenthume, wie sie sich seit dem Beginne dieses Jahrhunderts herausgestellt haben, ganz objectiv, und versuchen nur den Thatsachen die innewohnenden Gedanken abzugewinnen: so stellt sich heraus, daß in der Reform selbst sich zwei verschiedene Richtungen kundgaben und bethätigten. Wir haben schon früher ausführlich nachgewiesen, daß die sogenannten Orthodoren selbst, wenigstens bis zur Weichsel hin, sobald wir die Reform nicht oberflächlich fassen, dieselbe nicht blos im Festhalten einer Reihe von Ceremonien, sondern in Lebensweise, Sitte, Bildung und innerlicher Anschauung, in der Erziehung ihrer Kinder und der Wahl ihres Lebensberufes suchen, daß, sagen wir, die Orthodoxen selbst der Reform unterworfen waren, und daß ihnen alles Streben nach Conservirung und Stabilismus außer in einer Reihe äußerlicher Handlungen nichts geholfen hat. Auch sie, ihr Haus und ihre Kinder sind durchaus nicht geblieben, was sie noch in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts gewesen. Denn das Leben ist mächtiger als jede Absicht der Individuen.