Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 28 (1872)
- Issue
- 3-4 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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38 Sittlichkeit vor ihren Augen und wurde durch sie von den Christen scharf unterschieden. Sie leidet aber mit den Ihrigen und freut sich mit ihnen, und sucht auch innerhalb der Grenzen ihres Geschlechts zu handeln. Der Zug ihres Herzens, das Elend, die Noch Anderer mitzufühlen und nach Kräften zu lindern, tritt schon damals lebhaft bei ihr hervor. „Schon in der Pension hatte ich einen großen Zug zu kleinen Kindern. Wenn wir von Heidelberg aus Partien machten und durch die Dörfer kamen, wo die Kinder so schmutzig und verwahrlost auf den Straßen saßen, hätte ich sie nur waschen und kämmen und ihnen ein Geschichtchen erzählen mögen." Eine weitere Beschäftigung war für sie, die ausgebreitete Correspondenz ihres Hauses mit Anverwandten und Freunden zu führen. Uebertriebene Lobeserhebungen wies sie von sich ab. „Es thut mir innig wohl, von achtungsperthen Männern mich geachtet zu fühlen; doch zu dieser Gewißheit kommen wir Mädchen bald, wir brauchen wenig Worte, um zu fühlen, ob und wie hoch wir in der Achtung des Mannes stehen, und je wortloser sie sich uns zeigt, desto inniger sind wir von ihrem Dasein überzeugt, desto mehr freuen wir uns." Ein lebhafter Briefwechsel fand zwischen ihr und dem bekannten juristischen Schriftsteller Dr. E. Gans in Berlin und anderen bedeutenden Leuten Statt. Die Zeit des Brautstandes führte sie aus diese Weise in die höchsten Interessen, welche das damalige Deutschland bewegten, ein. Ihr Verlobter, Dr. Joseph Leopold Neustetel, (ein Israelit), durch reich begabten Geist und durch ein auf das Gute und Wahre gerichtetes edles Gemüth ausgezeichnet, war schnell der Liebling der Familie seiner Braut geworden. Alle seine innersten Interessen erschloß er insbesondere der Braut. Sein juristischer Beruf befriedigte ihn nicht durchaus. Er schrieb an Regine: Nicht daß die Mühen des rechtlichen Beistandes mich verdrießen — nein diese werden reichlich durch die Freude eines durchgesetzten Gedankens, oft auch eines dem Unrecht gegenüber zur Wohlthat einer Familie durchgesetzten Sieges ausgewogen; was mich verdrießt, ist nur der Schmutz, den die Menschen vor ihren Sachwaltern mit Fleiß auf