Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 28 (1872)
- Issue
- 3-4 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Ehrfurcht, ohne zu wissen, warum. Aber wenn ich auch an allem Aeußerlichen Antheil nehmen durfte, so erfüllte dennoch ein großer Schmerz meine Seele, weil ich ja innerlich doch keinen Antheil daran hatte; ich war und blieb voll Wehmuth und Sehnsucht. Da ich nun mich nicht aussprechen konnte, so vertraute ich in stillen Stunden meine Gefühle dem Papiere an. Diese Blätter fand eines Tages die Vorsteherin der Anstalt in meiner Schieblade und zeigte sie dem Herrn Kirchenrath Schwarz (Jung-Stillings Schwiegersohn), der auch an dem Pensionat unterrichtete. Dieser meinte, es sei jugendliche Schwärmerei, die sich bald wieder verlieren würde; hätte es aber tieferen Grund, so würde es sich mit der Zeit zeigen. So blieben diese Regungen ein tiefeö inneres Geheimniß durch's ganze Jugendleben. Mein Herz und seine tiefste Sehnsucht blieb auch den lieben Freundinnen, die ich in der Anstalt fand, verborgen. Doch ging mir in diesen Jahren der Sinn auf für Natur, Kunst, Lectüre, kurz für alles Schöne, dem auch sehr gehuldigt wurde. Ich bekam Sinn für Geselligkeit, lernte mich benehmen unter andern Menschen, und kann sagen, daß hier der Grund gelegt wurde zu vielem Guten und Unguten, was später in meinem Leben hervortrat. Als ich 15 Jahr alt war, kehrte ich wieder ganz aus der Pension in das Elternhaus zurück, ich kam in die Schule des Lebens, in das Getriebe der Geselligkeit, in das Schöngeistige von allerlei Lectüre. Da ich zwei ältere Brüder hatte, Sigmund und Adolf, von denen der älteste Jurisprudenz studirte, der andere sich der Handlung widmete, so kamen vielerlei Gäste, Studenten und Kausleute, in unser Haus, und so bekam mein Herz auch vielerlei Eindrücke, von denen Niemand etwas ahnte. Doch war mir das Elternhaus auch gleich eine ernste Lebensschule. Meine Mutter mußte eine Zeitlang das Belt hüten, und ich sollte den Haushalt übernehmen. Ach wie war mir da zu Muthe! Aus meiner idealen Welt in das Getriebe des alltäglichen Lebens mitten hineingestellt zu werden! Ich that, was ich konnte, wurde geliebt, geehrt und erhoben, und so fand meine natürliche Eitelkeit hinlängliche Nahrung. Hiernach hatte ich nun wieder die vielen Fremden, die in unser