Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 28 (1872)
- Issue
- 3-4 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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35 und oft verfolgte ich träumerisch mit meinen Blicken die dahinrauschenden Fluchen des Neckar. Meine lieben Eltern standen damals noch ganz auf dem Gesetz, und ich erinnere mich mit heiliger Ehrftircht, wie sie am großen Versöhnungstage in Todtenkleidern in die Synagoge gingen, den ganzen Tag fasteten, und wie ich meine Mutter da besuchen durste; das große Bußgebct, wobei sie immer an ihre Brust schlug, und, wiewohl hebräisch, alle Sünden bekannte, schlägt mir noch heute ins Herz; es tönte fort in dem Kinde bis zu meinem jetzigen Alter. Sonst verläuft das Leben eines israelitischen Kindes in solcher Einförmigkeit, daß nichts Besonderes davon zu erwähnen ist, als daß in zarteren Gemächern eine besondere Leere sich fühlbar macht. Einen tiefen Eindruck jedoch machte es auf mich, wenn am Freitag Nachmittag meine Mutter sich ganz weiß kleidete und mit meinem Vater in die Synagoge ging, und wenn der lange Familientisch weiß gedeckt, mit sechs silbernen Leuchtern geschmückt und das gute Schabbesbrot darauf gelegt wurde. Gottes Segen war bei uns sichtbar, der Wohlstand der Familie mehrte sich, und in diesem Sinne ging es uns Allen sehr gut; nur die Hauptsache fehlte: der lebendige Gott und das geosienbarte Wort. Mit meinem dreizehnten Jahre wurde ich in ein christliches Pensionat gesandt, wohin ich den Tag über ging. Es war dies die Pension der Frau Hofräthin Dapping, die früher am russischen Hofe in Petersburg als Erzieherin thätig gewesen war." An der hochgewachsenen imponirendem Dame, sowie an deren körperlich verwachsenen, aber fein gebildeten Tochter Sophie sah Regine Zimmern hoch hinauf; mit der Letzteren verband sie nachher die zarteste Freundschaft. „In dieser Pension aber, schreibt Regine, ging mir eine ganz neue Welt auf. Die Sonn- und Festtage mit ihrer Feierlichkeit machten einen tiefen Eindruck auf mein Herz, besonders das herrliche Weihnachtsfest, welches mit dem Choral: „Dies ist der Tag, den Gott gemacht," eröffnet wurde. Weihnacht mit seiner Herrlichkeit übernahm mich ganz; Charfreitag erfüllte mich mit heiliger 3*