Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 28 (1872)
- Issue
- 3-4 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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34 Außenwelt, in der ich lebte, in einem großen Contraste stand. Da wir in keine Schule geschickt wurden, sondern immer Hauslehrer hatten, so kam ich auch mit anderen Kindern in keine Berührung. Eine alte Kindsmagd, die 34 Jahre bei meinen Eltern war, ist mir am Lebendigsten im Gedächtniß geblieben. Ich erinnere mich, wie dieselbe mich zu unserem Hafner nahm, der aus Thonerde, Sand, bunten Steinen, Muscheln u. dgl. die ganze Gegend um Bethlehem dargestellt hatte. Da war denn die Krippe, darin das Kindlein ganz hellleuchtend mit einem Heiligenschein lag; in der Nähe die Hirten mit den Heerden, denen der Engel erschien; in der Ferne die drei Weisen aus dem Morgenland, dem Sterne folgend, der über dem Stalle stand. Diese Wunderwelt machte einen Eindruck von heiliger Freude auf mein Herz, und von diesem Kinde, welches hellstrahlend in der Krippe lag, ging mir ein ahnungsvolles Leben auf; ich wußte ja gar nichts von dem Kindlein Jesus und hatte es doch so lieb, daß ich ihm gern alle meine Puppen und Spielsachen geschenkt hätte. Meinen jüngeren Bruder Salomo hatte ich besonders lieb; er verstand es in meine Phantasieen einzugehn. Wir wohnten in einem schönen, großen Hause mit Hof und Garten, der einen weiten Spielraum darbot. Wir legten darin Gärten an, gruben tiefe Löcher und füllten sie mit Wasser, um Springbrunnen entstehen zu sehn. Alles Mißlingen unserer Pläne konnte uns nicht entmuthigen; immer wieder wurde etwas Neues erfunden. Nicht so angenehm waren unsere Lehrstunden, indem unser damaliger Hauslehrer nichts weniger als Anziehendes für die Jugend hatte. Er litt an Gicht und legte sich oft während des Unterrichts stundenlang auf das Ruhebett. Wir mußten hebräisch lesen, was für uns keine kleine Aufgabe war, da wir das Gelesene nicht verstanden. Kaum war er dann eingeschlafen, so warfen wir unsere Bücher hinter uns und unterhielten uns auf unsere Weise, bis er anfing aufzuwachen. Ich insbesondere las, was ich nur kriegen konnte: Meidingers Anekdoten, allerlei Gedichte und war doch nie ganz befriedigt. Es war mir immer, als suchte ich noch etwas Unbekanntes; dem Glockengeläute hörte ich mit stiller Wehmuth zu