Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 28 (1872)
- Issue
- 1-2 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 An den Sabbathen mußte ich ihm die Stellen auffchlagen und hersagen, die ich die Woche über gelernt hatte; auch gab er mir zuweilen selbst Lektionen auf, die ich studiren mußte*). In meinem 10. Jahr wurde mein Vater von einer schweren Krankheit befallen. Da die Aerzte in unsrer Stadt ihn nicht wieder Herstellen konnten, so reiste meine Mütter mit ihm zu einem berühmten Arzt nach Lukasch, 3 Meilen von unserm Wohnorte. Allein nach wenig Tagen erhielten wir die Nachricht, daß es sich mit seiner Krankheit verschlimmert habe, und daß wenig Hoffnung zu seiner Genesung sei. Nun eilte sein Vater zu ihm, und nahm mich, als das älteste seiner Kinder, mit sich. Einige Tage nach unserer Ankunft verschied er. Der Großvater enthielt sich hier in der Fremde alles Weinens und des bei den Juden üblichen Wehklagens, nahm aber in der Stille die Leiche mit sich, um sie zu Hause beerdigen und dann mit den Seinigen an der Grabstätte oft weinen zu können. Da es aber sogleich in der Stadt ruchbar wurde, so schickten die Vorsteher der Juden uns einige Juden zu Pferde nach, mit denen wir umkehren mußten. Zwar erbot sich mein Großvater, *) Der Talmud, etwa von 200—600 nach Christo schriftlich abgefaßt, enthält die Ergänzungen und Ausdeutungen der älteren Schriftgelehrten zu dem mosaischen Gesetze, welche — wenigstens ihrem Kern nach — als mündliche Tradition von Mose hergeleitet wurden. Der Name bedeutet soviel als „Lehre" und bezeichnet also dieses umfangreiche Werk als das eigentliche Lehrbuch für die jüdische Religion. Den Grundstock des Talmud bildet die Mischnah, d. h. Wiederholung des Gesetzes- In dieser Mischnah sind die „Aussätze der Alten", welche im neuen Testament erwähnt werden (Matth. 15, 2. 3.), gesammelt und schriftlich stxirt, wahrscheinlich durch einen gewissen Rabbi Jehuda bald nach 200 p. Chr. Die späteren Rabbinenschulen fühlten aber das Bedürfniß, wiederum zu dem Texte der Mischnah weitere Ergänzungen und Erläuterungen beizufügen. Das ist die sogenannte Gemarah (— Besprechung? oder Ergänzung? oder Lehre?), welche auch von Manchem, wie z. Bhier von Samuel Reinhold, als der eigentliche Talmud bezeichnet wird. Die Mischnah und die Gemarah bilden gleichsam eine zweifache Ringmauer um das Gesetz, welche nach der Meinung der Rabbinen vor unvorsichtigem Verletzen desselben bewahren sollte, in der That aber nur dazu dient, den Zugang zum lebendigen Verständniß des alten Testamentes abzuschneiden.