Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 27 (1871)
- Issue
- 9-10 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2554541-2554789-2554795--05631-2561594- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
146 Nachdem die Propheten dem Volke einen siegreichen König verheißen haben, ist Israel das rechte Licht verliehen, um die Ansprüche eines Jeden, der sich als den Messias verkündigt, zu prüfen. Daher ist auch Jesus mit Recht verurtheilt worden. Sein Verbrechen bestand ja gerade darin, daß er sich als den Messias ausgab und doch nichts that, um für Israel die ihm gebührende Herrscherstellung auf Erden zu erringen, sondern daß er im Gegentheil dem Volke als Erstes und Größtes eine geistige Erlösung anbot, die das römische Joch und die heidnische Knechtschaft noch nicht sogleich von ihm nehmen sollte. Zwar sei trotzdem, so sagt Isaak, in ihm einmal der Gedanke erwacht, ob er diesen Jesus, dessen Person also auf ihn einen Eindruck hervorgebracht hat, nicht als den Messias der Propheten annehmen solle und müsse, aber er habe eben diesen Gedanken glücklicherweise bald als das erkannt, was er sei, als eine Versuchung. Gott habe ihn und sein Volk dieser Person gegenüber nur auf die ernsteste und letzte Probe stellen wollen, ob sie auch an dem ihnen einmal gegebenen Versprechen, daß die Juden die Herrscher der Erde werden sollten, in Treue festhalten würden, ohne sich durch irgend eine Erscheinung, ohne sich auch durch ein nach manchen Beziehungen hin so verlockendes Bild, wie es eben dieser Jesus darstellte, irre führen zu lassen. Eine Versuchung also nennt Isaak geradeswegs den Gedanken, Jesum Christum als den Messias Israels anzunehmen; für ihn wäre es eine Sünde und ein Abfall von Jehovah, wenn er diesem Armen, der sich trotz seiner Niedrigkeit erkühnte, der Sohn Gottes und der Erlöser Israels sein zu wollen, gehorchte. Das Gericht über einen Menschen, der es wagte, einen solchen Spott mit dem Volke GotteS zu treiben, findet er ganz recht; Jesus hat sich ja mit seinem Ansprüche die schlimmste Verhöhnung Jehovahs und Israels erlaubt. Hier gipfelt in der That die Differenz zwischen dem Judenthum, das Christum verwarf, und zwischen dem A. Testamente. Israel hat nach dem A. T. allerdings seinen besonderen Beruf in der Menschheit und unter ihren Völkern erhalten.