Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 27 (1871)
- Issue
- 9-10 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutlich vernahmen es die Juden. Verstört und verzweiflungsvoll sahen die abgemagerten Gestalten hin und lauschten und hörten wieder die Worte: „Laßt uns wegziehen von diesem Ort!" Die rauschende Bewegung der unsichtbaren Schaaren wurde stärker. Die ganze Luft, der ganze heilige Berg schien von ihnen erfüllt zu sein. Endlich wurden sie auch dem Auge sichtbar, während vorher nur das Ohr ihre Gegenwart vernommen hatte. Zahllose geisterhafte Gestalten erschienen plötzlich im Dämmerlicht, den Horizont verhüllend, in langer Processton, wie Trauernde mit gebücktem Haupt und verhülltem Antlitz einherschreitend, und ihr Klageruf tönte fort, wie vorher. Nun sah man die Umrisse der Heiligthümer, des Tempeldienstes, des Schaubrottisches, des goldnen Leuchters, und was noch merkwürdiger war, die Bundeslade, die einst im alten Tempel gestanden hatte, und über ihrem Gnadenstuhl erschien ein Wolkenbild des Allerhöchsten. Alles das sahen sie vor sich. Durch langes Wachen und Fasten in ihren Sinnen verwirrt, sahen sie die Himmlischen sich in der Lust entfernen. Dann verschwand Alles und die ausgehende Sonne beleuchtete die vor Entsetzen bleichen Gesichter, die noch immer nach der Seite hinstierten, wo die Vision verschwunden war. Ein Schrei der Verzweiflung drang aus jeder Brust. Sie wußten nun, daß ihre Stunde geschlagen hatte. Die Römer schritten zum letzten Angriff. In der Hitze des Kampfes erfaßte endlich ein römischer Soldat ein brennendes Scheit und eilte an den Tempel heran. Er hielt dasselbe an eins der Fenster und es fing Feuer. Mit unglaublicher Geschwindigkeit verbreitete sich dasselbe längs dem Holzwerk und in den reichen Verzierungen. Die Hitze des großen Brandes gebot Allen Stillstand. Die Juden stießen Töne des Entsetzens aus und stürzten sich, wie von einem Gedanken erfaßt, in das Heiligthum. Selbst die Römer standen einen Augenblick betroffen still. Die auflodernden Flammen umhüllten Alles und bedeckten bald die ganze eine Seite. Verzweifelnd rangen die Juden die