Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 27 (1871)
- Issue
- 7-8 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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119 Gott um etwas bitten würden, so wäre es unsere alte Unabhängigkeit, die Wiederkehr unseres alten Ruhmes." „In euren Schriften stößt mich gerade das ab, was dich so freut. Ich verlange keinen Eroberer. Die Philosophie zeigt mir etwas Besseres. Wenn du deine Schriften mit unseren Augen ansähest, würdest du ihnen nicht glauben. Es ist nicht eines heiligen Gottes würdig, den Menschen nichts weiter als dies zu offenbaren." „Du sprichst von einem auscrwählten Volk und eurer wunderbaren Geschichte," fuhr Cineas lebhafter fort. „Welches Volk scheint denn am ersten ein auscrwähltes zu sein? Den Römern kommt das eher zu als den Juden. Sie sind von geringem Anfang zur Herrschaft der Welt aufgestiegen. Ist dies nicht durch besondere Gunst Gottes geschehen? Wenn sich dieselbe durch Eroberung der "Welt offenbart, dann sind die Römer sein Volk. Sie haben selbst den Ort erobert, welchen du Gottes eigene heilige Stadt nennst." „Wenn ich mich nach einem auserwählten Volke Umsehen sollte, so wüßte ich eins, das mehr gethan hat, als Schlachten gewinnen. Größe des Geistes ist mehr als die des Körpers. Die Römer sind materiell; geistig sind die Griechen. Der Philosoph betrachtet Gott und geistige Dinge aus einem geistigen Gesichtspunkt. Er läßt sich nicht durch Vorstellungen der Menge bestimmen. Der griechische Geist scheint ihm das größte Wunder der Welt. Wir haben die Menschen gebildet und sie in Allem unterrichtet. Kenntnisse, Kunst, Literatur, Musik und Philosophie haben wir ihnen gegeben, das Beste und Edelste, was es auf Erden giebt." „Wir haben die Menschen denken gelehrt. Unser Staat ist zwar jetzt Rom unterthan, aber die Seele ist frei, und griechische Gedanken beherrschen die Seele der Welt. Wie zeigt ein Volk mehr, daß es von Gott erwählt ist, als so? Wenn' es sich um die Regierung der Welt kümmert, so muß er sicherlich hierbei thätig gewesen sein. Du siehst, ich weiß auch von einem auserwählten Volk zu reden. Es war mir leid, daß ich etwas prahlen mußte, aber du hast mich dazu ^genöthigt."