Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 27 (1871)
- Issue
- 7-8 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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116 Seele, nicht die verlorene Freiheit. Das Schicksal ihres Sohnes liegt auf ihr mit aller Gewalt, sein irdisches und sein ewiges Loos. Da hört sie plötzlich Cineas von demselben erzählen; derselbe weiß es nicht, daß die Wärterin seine Mutter ist, weiß jedoch, daß Jener seine Mutter verkauft hat und in tiefster Gewissenspein nun nach Frieden sucht.. Diese Kunde, so unerwartet nach langen Jahren zu ihr gedrungen, erschüttert die Muiter, sie bricht zusammen und muß lange mit dem Leben ringen. Isaak wird ihr Arzt. Wie viele seiner Landsleute, verstand er sich sehr gut auf die Arzneikunde; er hatte in allen Schriften der Aerzte studirt und kannte die Eigenschaften und den Gebrauch der Kräuter. Mit größter Sorgfalt pflegte Isaak die Kranke. In ihren Fieberphantasieen aber sprach diese viel von ihrem Heilande, dessen Leben voller Leiden war, von seinem Todesschmerz und seiner Seelenangst; sie sagte, daß Er auch verrathcn worden sei, und ebenfalls von seinem Freunde. Eines Tages geschah es, daß Isaak gegenwärtig war, als die Wärterin ihre gewohnten Gebete anfing. Diesmal wiederholte sie immer wieder den Namen Jesus Christus. Auf den Juden machte derselbe einen merkwürdigen Eindruck. Sein Aussehn wurde finster und seine Augen sprühten Feuer. Nachdem er lange mit einer starken innerlichen Aufregung gekämpft hatte, flüsterte er endlich mit erzwungener Ruhe: „Sie gehört zu den Christen." Helena fiel die Leidenschaftlichkeit in dem Wesen Isaaks auf. Als sie ihn um den Grund seiner Erregung frug, suchte er seine gewöhnliche Selbstbeherrschung wieder zu gewinnen und sagte: „Es ist nichts! Unser Volk hat viel um dieser Christen willen gelitten, darum habe ich ein altes Nationalvorurtheil." „Hassest du sie denn?" „Mehr als den Tod," rief Isaak, sich selbst vergessend; aber im Augenblick sammelte er sich wieder und sagte: „Verzeihe mir, aber bisweilen bricht noch etwas von meinem alten Nationalgefühl hervor." „Es ist mir leid, daß ich Veranlassung gegeben habe, es