Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 27 (1871)
- Issue
- 7-8 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2554541-2554789-2554794--05597-2561559- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Homer 1× ep/1025156
OCR text
113 zuletzt in tiefste Leidenschaft verwandelt, und in derselben untergehn läßt: es ist sein national-religiöser Patriotismus. Da Cineas den Isaak in der Bibliothek aufsucht, findet er ihn im Homer lesend. . Der feine Athener, dessm Lebenselement griechische Literatur, griechische Kunst und besonders platonische Philosophie ist, fragt den Alten, ob er ein Buch wie die Ilias kenne? Isaak antwortet ihm: „Wir Juden haben ein Buch für alle, es enthält alle unsere Schriftsteller und ist in Wahrheit unsere Literatur, es ist unser eigentliches Leben." Daraus schildert er dem Griechen das Alte Testament und schließt damit, daß dieses Buch für den Juden einen größeren Werth habe, als die Ilias für den Griechen. Dem Athener, welcher bisher selbst die Herren der Welt, die Römer, im Gebiet des Geistes seinem Volke die Palme hat darreichen sehn und der nichts Anderes weiß, als daß Griechenthum und Blüthe des Menschenwesens gleichbedeutende Dinge seien, kommen solche Worte seltsam vor. Statt aller anderen Antwort gibt ihm Isaak jedoch den Inhalt des Hiob an. Diese Probe macht den Cineas aufmerksam, und er spricht seine Vermuthung aus, daß jenes jüdische Buch wohl die stoische Philosophie lehren wolle. Isaak aber zeigt ihm, daß die Stoiker den Menschen ohne Gott betrachteten, die Juden dagegen ganz auf Gott schauen und in ihm sich ganz verlieren. „In ihm wird Alles klar; er ist der Unendliche, der vollkommen Heilige, der Allweise; ihm vertraue ich." Indem er diese Worte redete, erhob er seine Augen in tiefer Ehrfurcht und begann eine Art rhythmischen Gesang: „Herr du bist unsere Zuflucht u. s. w." Psalm 90. Staunend lauschte der Athener diesen Worten, sie erinnerten ihn an alles das, was er von dem geheimnißvollen Wissen der Aegypter und Asiaten gehört hatte. Um so begieriger wurde er, Neues zu vernehmen. Isaak erklärte ihm, daß die Dichtungen seines Volkes nicht dramatische, sondern zumeist lyrische seien, alle aber im Dienst der Religion stünden. Dichter und Prophet sei unter Israel dasselbe. Und auf Befragen zeigte er dem Griechen, wie der Rhythmus der hebräischen Poesie im Parallelismus der Gedanken bestünde 8