Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 27 (1871)
- Issue
- 1-2 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2554541-2554789-2554791--05498-2561457- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
17 thümliche dieses Blattes aber ist gerade dies, daß es, ähnlich der Times in England, die Durchschnittsanschauung auf seinem Gebiete geschickt und in entsprechender Weise wiedergidt. Das moderne Judenthum ist hiernach überall „die sogenannte Religion des Diesseits," und seine Theologie hat wesentlich die Aufgabe, an ihrem Theil daran zu mahnen, daß man in möglichstem Frieden das Diesseits genieße oder gebrauche. Die moderne AllerweltSreligion, die ihre Anhänger immer mehr in der großen Masse der Christen, Juden und Heiden findet, hat aber gerade darin ihr Wesen, daß sie an die Stelle des lebendigen Gottes die Erde setzt, und statt den Menschen mit diesem Gott zu verbinden, ihn vielmehr mit allen ihren Banden an das Diesseits kettet; welches Beginnen man schlauer Weise aber wieder mit dem unvertilgbaren Wort „Religion" bezeichnet. Teßhalb verstehn sich auch die großen Haufen der Christen und Juden im Punkt der Religion gegenwärtig immer besser, weil sie eben „die Gemeinschaft mit dem heiligen und seligen Gott, das Leben mit ihm für Zeit und Ewigkeit" als das Unwichtige zurückstellen, und darin vielmehr eins zu werden versuchen, daß jeder Mensch feine Gegenwart auszunützen und zu verwerthen suchen müsse. Der Abwechselung wegen und um auf die Ihrigen Eindruck zu machen, nennen dann die Unitarier dieses Treiben „Unitarismus," die Protestantenvereinler „Protestantismus" und die Juden nennen es „das Judenthum." Wer aber Augen hat zu sehen, der sehe! — Chassidim. DaS Judenthum steht schon seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts in einer neuen Entwickelung. Die mittelalterliche Gestalt desselben will sich nirgends mehr erhalten lassen. Zwar zeigen die Juden in großen Theilen Rußlands und im Orient noch die Lebensform, welche sich unter der Herrschaft des Talmud gebildet hat, aber es kann bei der gegenwärtigen Verbindung aller Länder untereinander bald geschehn, daß auch dort ein Neues sich begibt, und die Zeichen dafür mehren sich von 2