Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 26 (1870)
- Issue
- 12 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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219 Schon früher ist darauf hingewiesen worden, daß uns im nichtbibkischen Judenthum eine stark dualistische Anschauung von dem Verhältniß zwischen Geist und Materie begegnet. Dieser Dualismus ist nämlich ein außerordentlich bequemer Ableiter für den Stolz, welcher nicht das Herz für die Verschuldungen des Lebens anklagen will. Man braucht eben nur die Materie zu verdammen, um dafür desto leichter und zuversichtlicher dem Menschen für sein Personleben die Buße zu ersparen. Und eben diese Richtung sehen wir die Juden einschlagen. Bestimmte Speisen, so sagen Orthodoxe und Reformer ziemlich übereinstimmend, würden den Leib zu sehr versinnlichen oder animalisiren und den Geist dagegen unterdrücken; darum wurden sie verboten. Verwunderlich bleibt es freilich nach dieser Theorie, warum Rindfleisch nicht sinnlich machen soll, wohl aber das Fleisch von Cameelen, Hasen, Aalen oder Schweinen! Daß der Gott Israels nach seiner Souveränität dem Volke, dessen Gesetzgeber er ist, seinen Willen auch selbst im Essen und Trinken als das Entscheidende hinstellt, daß er sich zum wirklichen Mittelpunkte für sein Leben macht, daß er selbst die natürlichen Triebe desselben unter seinem Gehorsam stellt, daß er mithin auf Schritt und Tritt es daran erinnert, wie ihm in allen Stücken die ganze Richtung seines Lebens gelten soll, das hat man jüdischerseits heute völlig vergessen. Selbstständigkeit ist das Stichwort geworden; und zwar hat man jetzt aus dem Grunde die Parole der Selbstständigkeit als die Losung des Mosaismus ausgegeben, um auf solche Weise die großen Haufen, welche gegenwärtig gerade unter dieser Wortfirma alle Herrlichkeit zusammenfassen, davon zu überzeugen, daß alles Licht der Gegenwart von den Juden ausgegangen sei, oder wenigstens, daß diese schon lange im Lichte wandelten, während alle Welt noch in Finsterniß saß. Denn, und das ist charakteristisch für die heutige Orthodoxie sowohl als für die Reform des Judenthums, alle Wege der jüdischen Theologie, welche vom Alten und Neuen Testamente sich abgetrennt haben, wollen, wie früher so jetzt, bei dem Resultat angelangen: die Juden sind und bleiben die wahren Ideale der Menschheit. Der Mosais:nus ist alsdann in ihren Augen das