Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 26 (1870)
- Issue
- 12 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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193 Religion findet diese Theologie nicht darin: daß ste den Menschen zu einer bleibenden, d. h. unvergänglichen Gemeinschaft mit Gott führe, welche eben darum in der Zeit nur ihren Anfang gewinnt, sondern darin: daß ste seinem vergänglichen Erdenleben eine bestimmte Form gebe, welche man die religiöse nennt. Indem man so das Ziel des Mosaismus bestimmt, wird sein Bild natürlich auch ein höchst sonderbares; man drückt und preßt ihn eben so lange, bis sich die Züge des modernen Culturlebens in ihm wiederfinden — aber freilich wie hat man es auch anfangen müssen, um dieses Kunststück zu Wege zu bringen. Wir wollen unö das Einzelne näher betrachten. 1. Die Selb st ständigkeit des Individuums imMosaismus. Es war uns jüdischerseits gesagt worden, der Mosaismus habe, indem er als die Summe seiner Forderungen die Liebe zu Gott und zum Mitmenschen aufstellte, vor Allem die Selbstständigkeit des Individuums proklamirt. Das klingt allerdings den heutigen Anschauungen der großen Haufen über die Stellung des Einzelnen sehr angemessen, aber findet nur in dem Sinne, wie man es doch gemeinhin zu verstehen pflegt, durch das sinaitische Gesetz durchaus keine Bestätigung. Zwar ist es richtig, daß der, von welchem Liebe gefordert wird, als eine wirkliche Person anerkannt wird, aber damit hat doch die Selbstständigkeit seiner Lebensstellung nichts zu thun. Er kann trotz dessen sich vielmehr in völlig abhängigen Verhältnissen befinden, und in der Familie, im Staate, in der religiösen Gemeinschaft gar vielen Schranken unterworfen sein, während Anderen diese Schranken vielleicht überhaupt nicht oder etwa nur in geringem Maße gesetzt sind. Es ist aber an sich schon ein Zeichen von Unklarheit, aus der Liebe gerade die Selbstständigkeit zu folgern. Denn die Selbstständigkeit vereinzelt, stellt den Einzelnen auf seine Füße und verweist ihn auf sein eigenes Ich; die Liebe dagegen verbindet, heißt ihn sich selbst und seine Interessen in den Hintergrund stellen und die Gemeinschaft mit Anderen suchen, um ihnen zu dienen. Und der Mosaismus, weil er in der That ganz auf dem Gesetz der 13