Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 26 (1870)
- Issue
- 9-11 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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163 den zu gewinnen. Mögen wir 1800 Jahre lang darin irren, daß allein im Christenthume das rechte und bleibende und für die Zeit wie für die Ewigkeit wahrhaftig befriedigende Heil zu finden ist, jedesfalls müht sich das Christenthum fest eben so langer Zeit darum, der Menschheit das nach seiner Ueberzeugung Schönste und Beste zu bringen; das Judenthum dagegen hat seine Religion für sich und im Uebrigen theilt es unter den Anderen und mit ihnen nur Zeitbestrebungen. Alles, was wir sind, haben wir den Juden zu danken, welche entflammt von der Liebe zur Wahrheit dieselbe uns brachten. Diese haben uns Altes und Neues Testament in die Hände gelegt, und so ist aus der alten versinkenden Welt eine neue entstanden. Nicht Dogmen sind in die Köpfe gekommen, sondern neue Lebenskräfte und Lebenssäfte haben sich in die Herzen ergossen. Alle Dogmen der gemeinsamen christlichen Kirche sind Herzenssachen, das haben Tausende und Abertausende von Juden auch erfahren. Darum die verwunderliche Erscheinung, daß trotz alles Fortschritts der Wissenschaften und in derselben Zeit, wo die übrigen Religionen, am deutlichsten das Judenthum, welches in die Atmosphäre des gegenwärtigen Culturlebens getreten ist, eine völlige Wandelung ihrer Glaubenssätze erleben, die alten hundertmal todtgesagten Dogmen der allgemeinen christlichen Kirche immer neu aufwachen, immer neu die Herzen beschäftigen, immer neu und oft gerade die allergroßartigsten Geister erfüllen. WaS hat das gegenwärtige Judenthum noch Besonderes? Höchstens ist man in seiner Mitte einig, daß Gott eine einzige Person ist? Wodurch aber unterscheidet es sich bei diesem allein übrig gebliebenen Fundamentalsatz von den Muhamedanern und der großen Masse in den christlichen Völkern, die dasselbe Lied singen, aber es freilich nicht von den Juden, sondern vielmehr ganz und völlig ohne ihr Zuthun gelernt haben? Die Juden müssen dieses ihr sogenanntes besonderes Gut in viel mehr Händen sehen, als sie selbst aufzuweisen im Stande find. Sie find daher als eigenthümliche Religion nicht mehr vorhanden, sondern fortan nur ein Theil eines größeren Ganzen. Die Culturideen der großen bisher christ- 11*