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Dibre Emeth · 1870-01-01 · 9-11 (1870) · page 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
26 (1870)
Issue
9-11 (1870)
Date
1870-01-01
Page
– (sequence 26)
Language
German
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154 geben? Und das war es doch, waS dieser arme Mann die Kraft hatte zu thun. Zuletzt wurde er getauft und täglich von den Juden geschlagen. Bei einer Gelegenheit sah ich selbst ihn aus dem jüdischen Viertel nach Hause kommen, seine Kleider von seinem Rücken gerissen. Er sagte: „Soll ich mit diesen Juden vor den Richter gehen? Nein, denn das Neue Testament lehrt mich, für meine Feinde beten und ihnen zu vergeben." Er fuhr weiter fort täglich zu predigen, und fast stets wurde er für seine Bemühungen geschlagen. Vor nicht langer Zeit traf eS sich, daß einer seiner bittersten Feinde, der sich oft dabei betheiligt hatte, ihn zu schlagen, in Constanttnopel sich aufhielt, wo dieser Mann Gottes gegenwärtig ein Bibelvorleser in Diensten der Schottischen Kirche ist. Dieser Jude hatte nicht Geld genug, um nach Jerusalem zurückzukehren. So ging er denn zu einem Rabbi in Constantinopel und bat denselben, ihm Geld zu leihen, da er ja ein geachteter Mann in seiner Stadt sei und versprechen wolle, unmittelbar nach seiner Ankunft in der Heimath es ihm zurückzuschicken. Der Rabbi hatte aber kein Vertrauen zu seinen Erzählungen und schlug es ab, seine Bitte zu erfüllen. In dieser Verlegenheit hörte er, daß sein früherer Feind, der Christ, gegenwärtig unter den Juden in Constantinopel arbeite. Er ging deshalb zu ihm und sagte: „ich fürchte, Sie werden mich die Treppe herunterwerfen und ich weiß wohl, ich verdiene es, denn ich habe Sie oft geschlagen, aber jetzt bin ich in großer Verlegenheit, und Sie werden vielleicht Mitleid mit mir haben." „Ja, antwortete der Mann Gottes, wenn ich meine eigenen Gefühle befragte, dann würde ich so handeln wie Sie vermutben, und Sie zur Vergeltung schlagen, aber ich habe ein höheres Gesetz. Ich bin ein Christ und vergebe Ihnen. Ich liebe Ihre unsterbliche Seele, und ich will Ihnen zeigen, wie man glücklich sein kann, sowohl für die Zeit als für die Ewigkeit." Dann lieh er dem Manne das Geld, welches er verlangte, um nach Jerusalem zurückkehren zu können, wo er zu den Rabbinen ging und hernach zu den Missionaren kam und ihnen die Geschichte erzählte. Er fügte hinzu, daß doch im Christenthume eine Macht liegen müsse; denn der Mann, welchen er verfolgt und täglich geschlagen habe, sei der Einzige gewesen, welcher in Constantinopel Mit^fühl und Mitkid mit ihm gehabt habe.

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