Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 26 (1870)
- Issue
- 9-11 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2554541-2554781-2554787--05403-2561360- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
153 hen müßte, welcher zu der bestimmten Zeit kam und Alles erfüllte, was über ihn geschrieben war. Darnach verabschiedete ich mich von ihm, besuchte ihn aber einige Tage später von Neuem. Er erklärte mir, daß ich ihn nicht von der Richtigkeit der christlichen Auslegung überzeugt hätte. Die Bibel wurde wieder von dem jungen Rabbi herbeigebracht und über daö Capitel hin und her gesprochen. In der nämlichen Nacht aber kam der junge Rabbi in das Missionshaus und kündigte uns an, er sei überzeugt, die christliche Religion sei die wahre, und das Judenthum könne ihn niemals durch das finstere Thal der Todesschatten hindurchführen. Er könne allerdings als ein geachteter Jude sterben, aber Hoffnung auf daS ewige Leben habe er nicht bei seinem Anlegen der Gebetsriemen und bei seinem Synagogenbesuch. Wir riethen ihm, so lange als möglich unter den Juden zu bleiben und sie nicht eher zu verlassen, als bis er selbst fühlte, daß er Glauben genug hätte, um von demselben getragen zu werden. Er antwortete, daß er zu Hause nicht Vas Reue Testament lesen könnte, da er eng bewacht wäre. Deshalb ersannen wir das Mittel, ihn in einem ruhigen Zimmer hinter unserer Bibelniederlage einzuschließen; und dahin kam er nun zwei Monate lang Tag für Tag, und las und studirte das Neue Testament. Jeden Tag, wenn er dies gethan hatte, sagte er dann: „ich habe Glauben genug, mit der ganzen jüdischen Gemeinde zu kämpfen. Ich bin bereit herauszutreten und öffentlich zu bekennen, daß Jesus Christus der Heiland ist." Wir aber forderten ihn auf weiter fortzufahren im Lesen und Studiren und Gott zu bitten, daß er ihm mehr Kraft geben wolle. Wir sagten ihm auch, daß, wenn man ihn verfolgen würde, dann noch Zeit genug für ihn sein werde, herauszutreten und sich zu erklären. Zuletzt, da er eines Abends zum Abendbrot zurückkehrte, wurde ihm eine Schüssel mit Reis unter dem Bemerken vor die Füße geworfen, „das ist gut genug für einen Hund, wie du bist." „Waö giebt es denn?" frug er. Man antwortete: „Du bist bei den Missionaren gewesen und bist getauft." Eine dichte Menschenmenge sammelte sich bald in Folge des entstandenen Wortwechsels, und der junge Mann kam eilends zu mir mit der Bitte, ihn in die Herberge für die Forscher aufzunehmen. Am nächsten Tage wurde er vor die Rabbinen gefordert, über sich Rechenschaft abzulegen; und wir, in unserer Beglei-