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Dibre Emeth · 1870-01-01 · 9-11 (1870) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
26 (1870)
Issue
9-11 (1870)
Date
1870-01-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
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142 überstiegt er nicht die Rechnung wiederholt, in der Hoffnung, daß sich das Fehlende noch ausgleichen werde, sollte es bei einer gewissenhaften Seele etwa anders sein, wenn sie das göttliche Soll (debet) und das menschliche Hat (babst) gegeneinander abwiegt und die Wahrnehmung macht, daß das letztere hinter ersterem weit zurückgeblieben? Gewiß nicht. In Pirke Abot c. 4, 13 heißt es: 3pS?' p '21 mny -q'iym nnx •frrmp nnx msD nenyn -iöik ^22 2'1N2 ll'Vxrri rnwn inx -ML2p i-> njip nnx rnjynon, Rabbi Elieser, Sohn Jakobs, sagt: Wer ein Gebot übt, erwirbt sich einen Fürsprecher; wer eine Sünde begeht, erwirbt sich einen Ankläger. Buße und gute Werke sind Schild gegen die Strafe. Der Jude, auch der sittlich ernsteste, kann also unmöglich ruhig aus dieser Welt scheiden, die Schuld der Uebertretungen lastet auf ihm wie ein Alp. Dann aber, und das ist das zweite, gestattet dieHalacha in ihrer Reichhaltigkeit gar kein freies sittliches Wollen und Handeln. In Allem, was der Jude denkt und thut, muß er sich über alle Maßen eingezwängt und eingeengt fühlen. Die Halacha hebt alle Freiheit im Reden und Thun auf, sie macht den Menschen ängstlich und furchtsam, so daß er vor lauter Aengstlichkeit und Furcht entweder gar nicht zum Handeln kommt, oder einen Fehlgriff nach dem andern begeht. Und grade diese Seite der Halacha ist es, die nach unserem Dafürhalten das Meiste mit zur Entstehung des sogenannten Reformjudenthumö beigetragen hat. Das Reformjudenthum hat in neuerer Zeit auch die Autonomie der Halacha zum großen Theile verworfen, sie ist ihm wegen der Schwere der Erfüllung endlich lästig geworden. Der Reformjude will mit der modernen Welt fortgehen, frei und ungebunden im Reden wie im Handeln, in Sitte wie in Anschauungen sein, deshalb schüttelt er daö peinliche Joch der synagogalen Satzungen von seinem Halse. Was läßt er aber an die Stelle des nach seiner Meinung Veralteten und Antiquirten treten? Ein hohles poetisch-philosophisches Phrasenthum, einen abstracten geist- und sinnlosen Wortschwall ausgenommen, nichts Positives. Der Reformjude stellt sich schlechterdings mit seinen GlaubenSanstchten ganz außerhalb des Verbandes der alten Synagoge, nichts ist mehr, was ihn an dieselbe bindet und kettet. Talmud und Thora lassen ihn ganz indifferent, er fühlt sich über beides erhaben.

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