Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 26 (1870)
- Issue
- 7-8 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2554541-2554781-2554786--05376-2561332- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
126 verkehrt und falscher Israels Bedeutung nicht verstanden werden, als wenn man, wie die Reformer es thun, den Cultur-Fortschritt als den eigentlichen Sinn des Mosaismus darstellt. Weder dieser noch das ganze sonstige Alte Testament weiß das Geringste davon, daß auf dem Wege des natürlich menschlichen Fortschritts das Heil der Menschheit kommt, sondern im geraden Gcgenthcil, daß erst durch ein Gericht über das Alte, welches sogleich an der Schwelle der Geschichte den Fluch erfährt, und nur durch eine wunderbare Neuschöpfung Gottes der Friede kommt. Nicht die Menschen schaffen die Erde allmählig zum Paradiese um, sonder» Gott will die aus demselben Vertriebenen in dasselbe wieder aufnehmen, aber geschehen wird dies nur also, daß sie zuvor, unter einer fortdauernden Steigerung ihrer angeborenen Geisteskräfte, das Verderben bis zu seinem höchsten Gipfel gesteigert haben. So ist die Reform der direkte Abfall vom Mosaismus und das ebenso entschiedene Versinken in die Principien des Heidenthums. Die Heiden haben diese Principien mit ihrem Götzenglauben in Verbindung gebracht; die Reform hat es von den Christen, welche das biblische Ehristenthum verlassen, gelernt, diese Principien im Namen des ewigen Gottes zu proklamiren. Bei den Heiden und Christen werden diese Culturprincipien auch von den Juden in ihrer Nichtigkeit dargeftellt; bei ihnen selbst dagegen sollen sie im Lichte der ewigen Wahrheit erscheinen. Dadurch, daß es Juden sind, welche diese Principien aus den Händen der Anderen übernehmen, wird das heilig, was so lange unheilig war. Die Orthodoxen nun gehen im Allgemeinen dieselbe Bahn mit den Reformern; auch sie bleiben bei dem natürlichen Wesen des Menschen stehen, und huldigen der Fortschrittstheorie in soweit, als sie dieselbe zur vollen, unbeschränkten Benutzung des Erdendaseins gebrauchen. Aber sie sind besorgt, daß, wenn Israel nur die Ehre der Ideen bleibt, der Vorzug desselben alsdann schwinden werde; denn die Idee hat die Welt ja ohue die Juden. Der Mosaismus, welcher nach reformistischer Ansicht die Welt zuerst mit den wahren Ideen beschenkt hat, soll vielmehr nach orthodoxer Anschauung die Wahrheit in ganz concreten Formen den Juden überliefert haben. Israel kann deshalb im Besitze der Wahrheit nur bleiben, wenn es die Formen festhält. Diese sind