Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 26 (1870)
- Issue
- 7-8 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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124 wird, sich nach seinem persönlichen und subjektiven Ermesseit auszubrciten, desto göttlicher wird nach der Meinung der Reform die Menschheit, desto mehr nennt man ihr Leben ein Leben in der heiligen Liebe. Die unermeßliche Fülle sittlichen Schmutzes, das furchtbare Elend ganzer Volksklassen, die immer schärfer hervortretende Scheidung zwischen Besitzenden und Besitzlosen werden mit dem schönen Mantel der nichts bessernden Humanität und des Fortschritts in der Ausbildung der menschlichen Geisteskräfte bedeckt. Wehe dem, welcher an dem Fortschrittsdogma zweifelt, wenn diejenigen, die es können, bei dieser mit rasender Geschwindigkeit wachsenden Roth von Tausenden und Abertausenden, es sich wohl sein lassen in der gegenwärtigen Entwickelung. Und doch ist die Cultur an sich noch gar nichts Sittliches; sie ist eben nur die Ausbildung des gesummten menschlichen Könnens. Das Sittliche ist allein die Verwendung unserer Kräfte nach den Vorschriften des allen Menschen geltenden höchsten Gesetzes, d. h. im Dienst der Liebe Gottes und der Menschen. Das Steigen der Cultur ist deshalb Jahrtausende lang mit dem Sinken der Sittlichkeit, der Gottes¬ und Menschenliebe Hand in Hand gegangen, aber Cultur ist sie dennoch geblieben; sie hat es nur recht deutlich an den Tag treten lassen müssen, daß sie selbst beides sein kann: etwas Heilsames und ein tiefes Verderben. Das Maß der Cultur bestimmt daher auch in keiner Weise den sittlichen oder religiösen Charakter einer Zeit, eines Volkes, eines Menschen; er kann sittlich und religiös der Allerhöchste sein, und, im Lichte der Cultur angesehen, doch unter den Allermeisten stehen. Das Maß der Cultur beruht vor Allem auf einem verschiedenen Maße der im Menschen vorhandenen Kräfte. Diese Kräfte hat Gott vertheilt, und zwar in sehr verschiedener Weise. Nicht was oder wieviel diese Gaben und Kräfte an sich erreichen, sondern wie sie in der Liebe, die des Andern Heil sucht, verwerthet werden, ist das Sittliche. Zum gemeinsamen Nutzen hat Gott den verschiedenen Gliedern des einen Leibes ein gar verschiedenes Vermögen bestimmt. Ueber das höchste, die Stellung zu ihm, ist aber nicht das Allergeringste durch diese hinsichtlich ihrer Fähigkeiten so sehr verschiedene Begabung der Menschen entschieden.