Mannheim
Compact Memory

Dibre Emeth · 1870-01-01 · 7-8 (1870) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
26 (1870)
Issue
7-8 (1870)
Date
1870-01-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2554541-2554781-2554786--05355-2561311
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

105 der religiösen Praxis zu thun, sie ist gleichsam der Rahmen, innerhalb dessen Grenzen das sittliche Thun und Handeln des Juden sich entfalten soll; an tausend und abermal tausend Bestimmungen kettet sie daS Leben nach allen seinen Aeußerungsformen. Immer aber wendet sie sich an den Verstand. Ganz anders steht es mit der Hagada. Diese ist das unmittelbare Product des Herzens und GemüthS; in ihr spiegelt sich Contemplation und tiefe Innigkeit der religiösen Anschauung ab. Sie will den Menschen belehren, erbauen, ermahnen, trösten. Sie redet die Sprache des Herzens und dringt wieder zum Herzen, '»'■pi OPLNO mjK, die Worte der Hagada ziehen das Herz an, sagt daher ein alter rabbinischer Ausspruch, und mit Recht. Und wie könnte es anders sein, da die Hagada selbst aus den innersten Tiefen des Herzens hervorgequollen, so muß sie ja wieder an das Herz sich wenden. Schreibt die Halacha vor, was unbedingt sein muß, so die Hagada, was sein soll; ruft jene den Juden zu: du mußt, wenn du nicht des Heiles deiner Seele verlustig gehen willst, so spricht diese: du sollst, wenn das Wohlgefallen Gottes auf dir ruhen soll. 2. Alter. Halacha und Hagada sind gewissermaßen die zwei Ströme, welche in der alten jüdischen Literatur mit einander um die Wette laufen, jeder gleich stark und mächtig. In den Gemaren laufen beide noch nebeneinander her, sich innig berührend, erst später treten sie in Trennung zu einander. Schon daraus geht hervor, daß die Hagada eben so alt sein muß, als die Halacha. Während aber der Strom der gesetzlichen Halacha bereits längst versiegt war, floß der der Hagada noch in jugendlicher Kraft und Frische munter fort. Ihre Entstehung verdankt die Hagada den öffentlichen Synagogenvorlesungen. An die vorgelesenen Paraschen oder Haphtharen pflegte der Redner noch mancherlei Betrachtungen, Belehrungen, Ermahnungen und dergl. anzuknüpfen. Die Hagada war oft das Werk des Momentes, veranlaßt durch ein Wort oder durch einen Gedanken des heiligen Textes. Da die Hagada aber auf die Zuhörer nicht ohne Eindruck blieb und man sie für wichtig und interessant erachtete, so wurde sie ebenso wie die Halacha ausgezeichnet. Schon zur Zeit des zweiten Tempels gab es Hagadensamm-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.