Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 26 (1870)
- Issue
- 3-4 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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86 denselben Weg, wandelten dieselbe Straße, an der der „Weinberg" und der „Acker" des Faulen und „Narren" gelegen waren — aber sie gingen — gedankenlos vorüber. Sie sahen den Verfall der Mauer, die Verwüstung des Weinberges, aber sie dachten nichts dabei; höchstens mögen sie den verarmten und verunglückten Besitzer in sentimentaler Rührung bedauert haben. Aber für sie selbst und ihren Besitz ist ihnen dies Bild der Zerstörung keineWarnung geworden. Denn nur selten lernt der Mensch durch fremdes Unglück, fremden Leichtsinn, fremde Nachlässigkeit und anderer Sünden und Laster Vorsicht, Behutsamkeit nnd Frömmigkeit im eigenen Wandel; gerügt werden häufig die fremden Mängel, aber ohne Nutzanwendung für sich selbst, ohne Nachdenken über den eigenen Haus-und Herzenszustand und häufig entsteht noch bei einer etwaigen inneren Anregung des eigenen Herzens sogleich hinterher der pharisäische heuchlerische Trost: ich danke dir Gott, daß ich nicht bin gleich dem oder jenem. Nicht so war der weise König: er lernte von allen Menschen') und von allen ihm sich darbietenden Gegenständen; er erkannte am besten die Entstehung und die Ursache des Unglücks und des Verfalls des „Ackers" und des „Weinberges." Daher fügt er bedeutungsvoll hinzu, nachdem er den Ruin des Vermögens des „Narren" und „Faulen" geschildert, da ich das sähe, nahm ichs zu Herzen und schauete und lernte davon rc. „Schauen und lernen"! Wohl ist der Mensch geneigt zu schauen — es fehlt auch uns nicht an Schauspielen mancherlei Art, aber das Lernen? Da bedenkt man sich, da dünkt man sich zu erhaben, da denkt man, das brauch ich nicht, das hat auf mich keine Anwendung, und wenn man sogar auf das Beispiel aufmerksam gemacht wird, — tröstet man sich häufig mit der philisterhaften Entscheidung, was Hänschen nicht lernt, das lernt auch Hans nicht mehr." Seit etwa über ein halbes Jahrhundert ist Leben und Ende des unglücklichen Mannes, dessen Name in der Ueberschrift dieser Zeilen erwähnt ist, der Gegenstand vielfacher Bearbeitung geworden. Von Herder?) ') Sprüche der Vater, Cap. 2, t: D1K flPK. *) Briefe zur Beförderung der Humanität, Br. 39.