Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 26 (1870)
- Issue
- 3-4 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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82 So Mögen wir denn die rabbinische Vcrsöhnungslehre, wie sie namentlich im Machsor ausgeprägt vorliegt, betrachten von welcher Seite wir wollen, überall stellt sie sich in ihrer Unzulänglichkeit und Unhaltbarkeit vor unsere Augen. Sie ist ein künstlich zusammengesetztes System, das bei näherer Betrachtung von selbst zusammen stürzt. Kein Mensch aber von gesunden Sinnen wird sein geistiges und ewiges Wohl eines solchen morschen Machwerks wegen aufs Spiel setzen. Behauptet der Machsor, daß Israel zur Zeit keine andere Versöhnung als Gebet, Fasten, Almosengeben habe, warum konnte das alte Israel denn nicht auf dieselbe Weise seine Versöhnung von Gott erlangen? Warum verordnet Gott die Opferthora? Warum den großen Versöhnungstag? Waren beides nicht ganz nutzlose Institutionen? Letzteres wird und kann nun aber kein Israelit, wenn er wirklich ein wahrer ist, zugeben. Konnte aber das alte Israel nur durch Opfer mit Gott versöhnt werden, so wird es das heutige nicht anders können und zwar so lange nicht, bis sein Messias kommt. Mit ihm erst wird das mosaische Opfer aufhören. Vgl.Sohar, Th. 2, S.212: Tin "Ü 'JO So lange Israel im heiligen Lande war, hielt es durch Gottesdienst und Opfer, die es brachte, alle Uebel und Strafen von der Welt fern, jetzt aber hält sie der Messias von den Kindern der Welt fern."*) Andererseits sagt aber auch wieder ganz richtig der Machsor selbst, daß Israel gar nichts habe, was es vor Gott bringen und zu seiner Vertretung vorschützen könne, es müsse allein auf die göttliche Gnade und Barmherzigkeit sich verlassen. Durch diese Aussage wird die Behauptung von eigenem Verdienst aber entkräftet, das sich selbst genugthuende Wesen wird in seiner Nichtigkeit und Ohnmacht hingestellt. So steht denn Israel im Gebete mit doppelter Zunge vor dem Angesichte Gottes: einmal erhebt es sich in selbstgerechter Weise, pocht auf sein Verdienst, fordert Gott gewissermaßen heraus, es anzuerkennen, dann wieder beugt es sich im Gefühle der eigenen Unwürdigkeit und Nichtigkeit *) Gerade der Umstand, daß mit dem Erscheinen Jesu Christi die mosaische Opferanstalt anfgehört, könnte für den nachdenkenden Israeliten ein Fingerzeig für die wahre Messianität desselben sein.