Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 26 (1870)
- Issue
- 1-2 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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18 Midraschim in sehr bestimmter Weise dieselbe auf. Ja man kann behaupten — und es ist auch schon mit Recht behauptet worden — Talmud und Midraschim geben uns in einzelnen Aussprüchen und Hagaden ein derartiges Dogma von der Versöhnung, das sich nur in sehr untergeordneten Momenten von dem christlichen abkennzeichnet. Macht man aber das moderne Judenthum auf diese Uebereinstimmung der alten Synagoge im Lehrpunkte der Versöhnung mit dem Christenthum aufmerksam, so sucht es sich dadurch der Anerkenntniß zu entziehendaß es schlechtweg das Vorhandensein von solchen Stellen im A. T. in Abrede stellt, die von einer sühnhaftenSelbstdargabe desMessias in den Tod und der damit im Zusammenhang stehenden Rechtfertigung des Menschen mit Gott handeln, und leider wird es in dieser Beziehung von christlichen Interpreten unterstützt. Auch hinsichtlich des Talmuds suchen sich die Juden dadurch herauszuwinden, daß sie entweder alle Zeugnisse vom leidenden Messias mit Stillschweigen übergehen oder sie als unverständliche und absonderliche Hagaden hinstellen ohne Bedeutung und Autonomität. Gradezu leichtfertig und frivol aber behandelt die moderne Synagoge nach dieser Seite die Midraschliteratur, trotzdem daß mancher Midrasch dem Alter nach mit mancher Gemara wetteifern kann. Bei der alten Synagoge hatten die Midraschim fast dasselbe Ansehen als der Talmud, und der orthodoxe Jude liest sie wohl auch heute noch mit Aufmerksamkeit und Interesse, und so soll cs auch sein. — Talmud und Midrasch gehören zu einander und ergänzen und erklären sich gegenseitig. Welches ist denn nun aber die eigentliche Lehranschauung des modernen Judenthums hinsichtlich des Dogma's von der Versöhnung? Wir glauben, daß dieselbe in keinem anderen Schriftstücke deutlicher ausgeprägt erscheint, als im Machsor, dem jüdischen Gebetbuche für alle Festtage des Jahres. Freilich trägt die Ausprägung keinen einheitlichen Charakter, sie ist vielmehr sehr verschiedenartig und sich widersprechend. Es zieht sich durch den ganzen Machsor ein höchst eigenthümlicher Dualismus: das alte und moderne Judenthum kontrastiren hier mit einander, Orthodoxie und H'eterodoxie laufen in der sonderbarsten Verbindung und Verschlingung nebeneinander her; in einem und demselben Gebete begegnen sich oft die größten Gegensätze. Schon