Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 26 (1870)
- Issue
- 1-2 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2554541-2554781-2554783--05263-2561216- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
16 Israeliten die Lieblosigkeit mancher christlichen Umgebung verschuldet hat, — o, Ihr würdet es mir nachfühlen, welche Verantwortung wir in Bezug des unglücklichen Volks vor Gott haben! Und könntet Ihr Euch auch davon einmal überzeugen, wie die äußeren und inneren Motive eines Israeliten, der da anfängt, dem Christenthum sich zu nahen, oft so eigenthümlich in einander verschlungen sinh, da er doch nur ein armer, sündiger Mensch ist, welcher zunächst nur die Unvollkommenheit seiner bisherigen Religion fühlt und eine sehr schwache Ahnung hat, daß im Christenthum mehr Licht und Leben als im Judenthum sein muß — o, Ihr würdet dann gewiß milder urtheilen und sagen: es gilt zu prüfen aber auch zu hoffen und in Geduld auszuharren, bis her Tag anbreche und die schwachen Augen befähigt werden zu erkennen, wie viel mehr das Christenthum ihm bietet, als er geahnt und vielleicht auch gewünscht hatte. Vorsicht ist hier allerdings geboten , woran es bei uns, wie ich glaube, nicht fehlt; doch sind wir keine Herzenskündiger, und wo wir irren, möge der treue.Gott aus Gnaden uns vergeben und eS selbst gut machen! Er, der treue Hirte Israels möge sich zu unsrer schwachen Arbeit gnädiglich bekennen, unsere müden Hände stärken, uns Weisheit, Muth und Glaubenszuverstcht verleihen, viele Herzen und Hände für sein Volk erwecken, und in Israel wahre Sündenerkentniß und herzliche Reue und Buße durch Seinen heiligen Geist befördern! Wir aber wollen uns allezeit gegenseitig zurufen: „Seid getrost, und laßt uns stark sein für unser Volk, und für die Stätte unseres Gottes; der Herr aber thue was Ihm wohlgefällt!" Sein Wille geschehe! — Die rabbinische Versöhnungslehre des Machsor, mit Rücksichtnahme auf Talmud und Midraschim. Kein Dogma der christlichen Kirche wird von den Vertretern der modernen Synagoge mehr angefochten und in Zweifel gezogen als das von der Versöhnung des Sünders durch das Blut des Messias auf Golgatha. Und doch könnte gerade dieses Dogma das geeignetste Vereinigungsmittel zwischen Juden- und Christenthum abgeben, d. h.