Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 26 (1870)
- Issue
- 1-2 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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14 Sitte und Betragen dieser leiblich und geistig vernachlässigten Zudenkinder wahrnehmen kann; aber rührend und ergreifend ists zu beobachten, wie der Geist Gottes so still und tief an diesen kleinen, lieben Herzen sein Werk treibt I Rührend ists, von den Lippen eines Judenkindes in wahrer Einfalt den Jesus-Namen zu hören, herzergreifend, die Thränen eines 9jährigen Judenmädchens beim Anhören der Leidensgeschichte des Herrn fließen zu sehen. — Ich würde mich umsonst bemühen, wenn ich die Empfindungen meiner Seele durch Worte zu schildern versuchte, welche mich überwältigten, als ich eines Tages die christlichen Kinder der Unterabtheilung fragte: welches von ihnen mir sein Morgen- und Abendgebet ordentlich hersagen könne, und überging dabei die zwei Judenmädchen, die auf der ersten Bank saßen (dieselben empfangen zwar den christlichen Religionsunterricht in der Schule, nachdem der Vater es ausdrücklich erlaubt hat, bekommen aber keine Aufgaben nach Hause, weil die Mutter noch dagegen ist) — da erhob sich das 10jährige Judenmädchen und fragte schüchtern: „darf auch ich mein Gebet hersagen?" und als ich dies bejahrte, da faltete es die Hände und betete mit einem freudestrahlenden Gestchte und mit einer Andacht, wie ich's selten bei Christenkindern sah, das heilige „Vater unser" bis zu Ende. „Das bete ich jeden Morgen beim Aufstehen," fügte es hinzu. „Und wo hast Du das gelernt" fragte ich's. „Das Hab' ich hier in der Schule gelernt; denn zu Hause darf ich's nicht lernen in Mama's Gegenwart. Auch muß ich's am Morgen leise sprechen, damit Mama es nicht hört, sonst— aber der liebe Gott hört's doch, nicht wahr?" Die jüngere Schwester von 8 Jahren sagte hierauf: „ich kann auch ein hübsches Abendgebet." — „Laß es hören," sagte ich. Da fing's an: „Breit aus die Flügel beide, o Jesu, meine Freude" u. s. w. Auf die Frage, ob sie auch ein Küchlein Jesu sei? antwortete sie mit Thränen in den Augen: „Das weiß ich nicht— möchts aber sein." Aber auch diese Freude ist nicht ohne Schmerz; denn wir erfahren es täglich mehr und mehr, wie viel auf diesem Gebiet sich arbeiten ließe, und wie wenig und schwach die darauf angewandten Kräfte sind. Abgesehen davon, daß es unserer Schule an Raum mangelt und in Betreff des.Unterrichts auch vieles zu wünschen übrig bleibt, weil die Einkünfte so dürftig und gering sind, so sind doch