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Dibre Emeth · 1870-01-01 · 1-2 (1870) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
26 (1870)
Issue
1-2 (1870)
Date
1870-01-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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u ten; die heiligen Talmudisten (chachamim) werden schon gewußt haben, was sie gesagt und gelehrt, und wie die Bibel zu verstehen sei/ als genügend anzusehen. — Unter solchen Einflüssen und Umgebungen entwickelte, oder richtiger gesagt, verwickelte ich mich bis zu meinem 18. Jahre. Jetzt wurde ich von meinem Vater einem bekannten jüdischen Kaufmann übergeben, in dessen Geschäft ich als Buchsührer ausgebildet werden sollte, woselbst ich auch 4 Jahre zubrachte. Hier nahm meine Geistesentwickelung eine neue Wendung. Mein Prinzipal hielt sich zu den sogenannten Reformjuden, die damals bei uns zu den seltenen Erscheinungen gehörten. Er zweifelte nicht allein an den von dem Talmud behaupteten Lehren, sondern zugleich auch an der Wahrheit der Bibel. Sein Losungswort war: „Alles ist Menschenfindelei, und nur Dummköpfe lassen sich bethören." Seine Religion lautete, wie er mir oft sagte: „Thue Recht und scheue Niemand." — Jnbeß bestätigte er selbst seine Gerechtigkeit durch sein Leben und Wandel sehr dürftig. — Ich überzeugte mich auch bald, welch ein glänzendes Elend in seinem Familienleben herrschte. — In mir entstand ein innerer Seelenkampf. Meine Seele bewegte sich stets zwischen den religiösen (wenn auch fanatischen) ersten Eindrücken, die ich aus meiner Eltern Hause mitbrachte, und zwischen den flüchtigen, oberflächlichen materialistischen Ideen meines Prinzipals. Hatte ich zwar vorher keinen festen Grund des Glaubens, so fühlte ich doch jetzt, daß der religiöse Boden meines Herzens ganz zu schwinden anfing. Nach Beendigung meiner Lehrzeit, und nach dem Tode meines Vaters, trat ich 1860 in die Dienste eines christlichen KaufmannsHrn. F. Faust in Lemberg. Derselbe ein ehrbarer, frommer Mann, benutzte mich anfangs nur für die jüdische Correspondenz seines Geschäfts, nahm sich aber meiner in wahrer Liebe an und ließ mich auf eigene Kosten in der Realschule zu L. ausbilden, so daß ich nach Vollendung meines Studiums im Stande war, fortan als förmlicher Buchführer bei ihm zu fungiren. Derselbe sorgte aber nicht allein für meine irdische Existenz, sondern nahm sich auch meiner Seele väterlich an. In den Mußestunden beschäftigte er sich selbst mit mir, und begann die Bibel in der deutschen Sprache mit mir täglich zu lesen. Das war das erste Mal in meinem Leben, wo ich die Bibel rein, ohne Commentare, zu lesen

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