Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 26 (1870)
- Issue
- 1-2 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2554541-2554781-2554783--05252-2561205- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
u. s. w. gefunden hatte. Da der Talmud das ganze Leben eines Juden beherrscht und durchdringt, und das talmudische System das ganze Hauswesen ebenso regelt und bestimmt, wie den Gottesdienst in der Synagoge, so zeigte sich die Gesinnung und Handlungsweise dieser litthauischen Juden auch nach den beiden erwähnten Richtungen. Diejenigen, die noch unverheirathet waren, suchten ledig zu bleiben, so lange es nur irgend möglich war, um nicht durch Verheirathung sofort wieder unter das tälmudische Joch zu kommen; die Verheiratheten überließen ihren Frauen meist das ganze Hauswesen, sie selbst zogen sich zurück und beschäftigten sich mit ihren Büchern. Den Synagogenbesuch vernachlässigten die meisten, dafür kamen Manche wohl unter sich privatim zum Gebet zusammen; Manche haben wohl auch das Gebet ganz unterlassen in der Meinung, das schicke sich nicht mehr für sie, es sei doch nur ein äußeres Werk, und was dergleichen Gedanken mehr sind bei den sogenannten Freigesinnten. Als die Missionare von dieser Bewegung Kunde erhielten, erkannten sie es als ihre Pflicht, wiederholt in jenen Theil Polens zu reisen, um mit den angeregten Personen in Berührung und Verbindung zu kommen, sie vor allen Irr- und Abwegen zu warnen, auf die zu gerathen sie in Gefahr standen, namentlich vor der Gefahr, sich eine sogenannte Vernunftreligion zu bilden, mit Hintenansetzung und Verachtung des Wortes Gottes. Dagegen verwiesen sie dieselben nur immer auf das geschriebene Wort Gottes, als die Quelle aller Weisheit, und das allein unsers Fußes Leuchte und das Licht auf unfern Wegen sein soll und kann, und durch das allein wir belehrt werden können, wie wir unfern Weg unsträflich gehen können. Und in der That, die Missionare haben wohl kaum je und irgend wo eine freundlichere Aufnahme bei den Juden gefunden als in jener Zeit und auch noch später bei den litthauischen Juden. Während die polnischen Juden im Allgemeinen den Missionaren mit Verachtung, mit Schimpfen und Schmähen oder wenigstens mih Gleichgültigkeit begegneten und sie ignorirten, kamen die litthauischen und namentlich die angeregten Juden den Verkündigern des Evangeliums mit großer Freundlichkeit entgegen, begrüßten sie als liebe Brüder, freuten sich, daß ihnen wieder Gelegenheit gegeben wurde, sich mit ihnen über die Religion ausznsprechen.