Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 25 (1869)
- Issue
- 11-12 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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191 Wortes Gottes zerschmelzt, bis die Gedanken geregelter, die Gefühle natürlicher, bis die alten Vorurtheile, der alte jüdische Nationaldünkel und der von Jugend auf eingeimpfte Haß gegen das Christenfhum und die Christen vor der wahren Erkcnntniß weichen und durch die Liebe Christi überwunden werden wird. Ich wußte zwar von vorne herein, wohin und zu wem ich gesandt bin, und doch wie habe ich mich getäuscht! Wie verschieden sind doch Gottes Gedanken und Gottes Pläne von denen des Menschen! — Während ich die Hauptschwierigkeit der Arbeit an Israel mir darin dachte, wie ich hinfort mit den hiesigen Juden in Berührung kommen könnte, da dieselben in der Zeit meiner Abwesenheit nicht aufhörten, durch Wort und Schrift ihren fanatischen Haß gegen mich zu äußern, während ich die Worte des Herrn: „Ein Prophet gilt nirgends weniger, als in seinem Vaterland," mit Recht auf mich anzuwenden glaubte — siehe, da beschämte der Herr meinen Kleinglauben so, daß jetzt eine ganz unerwartete Sorge anstatt der gedachten eingetreten. Ach, die Ernte ist groß; aber wenig und schwach ist der Arbeiter Kraft! — Ein Riesenwerk ist es, woran die stärksten Glaubenshelden vollauf zu thun hätten, und siehe, so ein armer Zwerg wie ich soll da, vereinzelnd stehend, kämpfen! — In der That habe ich bisher direkt an Israel gar nichts gethan, und was da geschieht, ist rein göttliches Wirken. Außer ein paar armen bekannten jüdischen Familien, wohin ich gerufen wurde, um zunächst äußerer Roth abzuhelfen, habe ich noch keinen Juden hier besucht, und dennoch sind es bis jetzt 29 Personen, die sich bei mir meldeten mit dem Wunsche, den Unterricht' in der christlichen Heilslehre zu empfangen. Sämmtliche sind allerdings keine wohlhabenden Leute, aber, wie ich glaube, doch nicht die Schlimmsten unter den Juden. Daß die Reichen und Vornehmen dieser Welt so selten nach dem Himmelreich Luft und Verlangen haben, ist ja eine alte traurige Regel und uns Christen wohl längst bekannt. — Den Armen soll auch das Evangelium gepredigt werden, da die geistliche Armuth mit der leiblichen gar oft zusammenhängt und beide sich gegenseitig befördern. Bei Israel ist es besonders in seiner ganzen wunderbaren Geschichte zu merken, daß ihm nichts schwerer ist zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen, was